Wie digitale Pflegeanwendungen (DIPA) Pflegebedürftige und pflegende Angehörige unterstützten können – Ein Interview mit Miriam Moser

Anfang dieses Jahres wurde die gesetzliche Grundlage für digitale Pflegeanwendungen gelegt. Nach den digitalen Gesundheitsanwendungen sind sie der nächste Schritt in der digitalen Gesundheitsversorgung. Besonders in der anspruchsvollen und kraftraubenden Pflege werden neue Ideen benötigt. Können DIPA’s für Entlastung sorgen?

Miriam Moser – diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und Digital Health Unternehmensberaterin

Über die Interviewpartnerin:

Miriam Moser, ist ursprünglich diplomierte Gesundheits.- und Krankenpflegerin und hat danach mehrere Jahre praktische Erfahrung in der stationären wie auch ambulanten Gesundheitsversorgung gesammelt. Nebenbei studierte sie Advanced Nursing Counseling abgeschlossen, absolviert gerade ihr Zweitstudium in Aging Services Management, wo die wirtschaftliche, technische sowie gesundheitliche Komplexität bei der älteren Bevölkerung näher beleuchtet wird. Miriam war bereits in einem Digital Health Start-Up tätig und ist seit diesem Jahr (2022) als Unternehmensberaterin im Digital Health Bereich tätig, um endlich mehr Bewusstsein zu diesem Thema zu schaffen und viel mehr den Menschen im Zentrum zu stellen.

MvM: Hallo Frau Moser! Wir freuen uns mit Ihnen über das Thema digitale Pflegeanwendungen (DiPA) zu sprechen. Während die digitalen Gesundheitsanwendungen mittlerweile seit einiger Zeit verschrieben werden können und sie verschiedene Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie von diversen Krankheiten, sowie der Rehabilitation bieten, wurde am 01.01.2022 die gesetzliche Grundlage für die DIPAs gelegt. Wir freuen uns mit Ihnen, als Kennerin des Pflegealltags und Expertin im Bereich der Digitalisierung des Gesundheitswesens, zu sprechen. Welchen Stellenwert werden die DIPAs zukünftig in der Pflege haben?

Moser: Die DIPA´s (digitalen Pflegeanwendungen) sollen in Zukunft endlich Pflegebedürftige und pflegende Angehörige digital (webbasiert oder über das mobile Endgerät nutzbar) dabei unterstützen, ihren komplexen Alltag besser zu meistern und auch die Selbstständigkeit dabei zu fördern. Entlastungsmöglichkeiten sind hier essenziell, wenn man bedenkt, in Deutschland gibt es rund 4,1 Millionen pflegebedürftige Menschen, die regelmäßig Unterstützung benötigen und dabei steigt die Anzahl der Betroffenen kontinuierlich jährlich an1

MvM: Es ist offenkundig, dass die Pflege für Angehörige und dem Personal sowohl körperlich, als auch psychisch sehr belastend ist. Zusätzlich fehlt in den Einrichtungen oft das nötige Personal. Welche Probleme können perspektivisch von DiPAs gelöst werden können und wo liegen die Grenzen?

Moser: Die DiPA´s sind nach aktuellen Stand nur in der ambulanten Versorgung vergütbar. Dies muss ganz klar nachgebessert werden, um diese digitale Lösung auch in stationären Pflegeeinrichtungen verwenden zu können, denn warum sollen digitale Lösungsangebote, die effizient sind, nicht auch in Langzeitpflegeeinrichtungen verwendet werden wie z.B. zur Sturzprophylaxe oder kognitives Training bei demenziell erkrankten Menschen. Dies kann deutlich auch nicht nur pflegende Angehörige entlasten. Welche Chancen bieten sie? Präventionsmaßnahmen für Pflegebedürftige (z.B. Reduzieren von Stürzen), aber auch pflegende Angehörign. Zudem können sie die Partizipation fördern, raschere Kommunikationsmöglichkeiten bieten und Administration erleichtern. Wie gesagt, die DiPA´s ersetzen nicht den persönlichen Kontakt: Beispielsweise könnte bei den Pflegebedürftigen die körperliche Mobilität gestärkt werden, aber wenn die Person im Rollstuhl sitzt und den Rücken selbst nicht waschen kann bedarf es trotzdem den pflegenden Angehörigen oder die Pflegekraft dafür.

MvM: Welche Anwendungen gibt es bereits und auf welche Bereiche konzentrieren sich diese?

Moser: Es gibt nach aktuellen Erkenntnissen noch kein DIPA-Verzeichnis, da warten wir alle gespannt bezüglich der konkreten Richtlinien, aber es gibt ein paar Pflegeapps bzw. webbasierte Internetdienste, die pflegende Angehörige dabei entlasten wollen. Es wird total die Organisation und Administration unterschätzt, wenn es um die Versorgung Pflegebedürftiger geht und deswegen nenne ich hier auch zwei und eine Sturztprophylaxeapp:

  • NUI- Pflegeleichtapp (hilft bei der Pflegeorganisation und hat eine Infothek über Pflegethematiken)
  • Lindera Sturzapp (Mobilitätsanalyse zur Sturzprophylaxe)
  • Pflege- Dschungel Cockpit (Organisation, Administration, Pflegegradrechner)

Viele sind gerade als Start Ups in den Startlöchern und warten eben darauf, welche Vorraussetzungen man dazu erfüllen muss gelistet zu werden und dann die Software von der Krankenkasse refundiert zu erhalten.

MvM: Einige der zugelassenen DiGAs wurden durch Start-Ups entwickelt. Ist dieser Trend auch bei den DiPAs zu beobachten?

Moser: Ein definitiv klares Ja. Viele aus anderen Disziplinen versuchen hier auch im Pflegebereich Fuß zu fassen, da es ein enormes Potenzial bieten kann.

MvM: Wie wird die Sicherheit der Anwendungen gewährleistet, besonders wenn sie von Menschen genutzt werden, die Schwierigkeiten haben beim Umgang mit digitalen Medien?

Moser: Auf der einen Seite, werden die DiPA´s gelistet beim BfArM, welches bereits ein Qualitätsmerkmal darstellt und auf der anderen Seite, ist es unbedingt notwendig, dass die digitalen Pflegeanwendungen nutzerfreundlich gestaltet wurden, um auch tatsächlich den Mehrwert dazu zu generieren. Leider muss gesagt werden, dass digitale Kompetenzen nie in der Bevölkerung gelehrt wurden. Dafür braucht es prinzipiell niederschwellige, gemeindenahe Angebote. Bei den DiPA-Herstellern, könnte ich mir vorstellen, dass einerseits Workshops oder Webinare angeboten werden, aber auch Pflegeberater und Pflegeberaterinnen zur Seite stehen könnte. Wichtig ist es sich laufend Informieren zu können über die Homepage sowie auch einen telefonischen Support nutzen zu können..

MvM: Für Pflegebedürftige ist die soziale Nähe ein wichtiger Faktor für ein würdevolles Leben. Kann dies durch die Verbreitung der DiPAs verloren gehen?

Moser: Der Großteil der Pflegebedürftigen wird zu Hause von Angehörigen unterstützt. Die DiPA´s sollte, als zusätzliche Möglichkeit angesehen werden, die Prozessabläufe wie Dokumentieren erleichtern kann, aber niemals als Ersatz für einen Menschen angesehen werden. Es kann sogar bin ich der Meinung, die Beziehungen stärken, weil pflegende Angehörige mehr Zeit haben für den pflegebedürftigen Menschen, weil Amtswege vielleicht auch dann Einfacher sind und Informationen zu Pflegethematiken rascher vorzufinden sind. Auch der pflegebedürftige durch ein Mobilitätstraining kann zumindest den IST-Zustand fördern und durch das Training auch mehr raus aus seinen 4 wänden kommen, was wieder die Chance auf soziale Kontakte steigert.

MvM: Der Erfolg der DiPAs ist schlussendlich von dem Umfang der Verschreibungen abhängig. Dafür ist besonders eine Akzeptanz der Hausärzt:innen notwendig. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten der DiPAs ein?

Moser: Die digitale Pflegeanwendung wird vom Pflegebedürftigen bei der Pflegekasse beantragt, die entscheidet, ob die Kosten dafür übernommen werden oder nicht. Für eine Akzeptanz der DiPA’s ist es aber trotzdem essenziell, dass die Bevölkerung dahingehend aufgeklärt wird und auch mit ihrem Know-how abgeholt wird. Es ist auch essenziell die Hausärzte und Hausärztinnen über diese Funktion Bescheid wissen, auch wenn diese nicht von ihnen verordnet werden wie bei den DiGA’s. Je besser die Menschen aufgeklärt sind, umso höher die Chance auf Akzeptanz dieser digitalen Lösung.

MvM: Erst DiGA’s jetzt DiPA’s. Was kommt als nächstes Frau Moser?

Moser: Bei der DiGA ist meiner Meinung noch immer zu wenig aufgeklärt worden, besonders auch bei den Ärzten und Ärztinnen neben den Patienten und Patientinnen. Dementsprechend wurden sie auch nicht so häufig verordnet. Bezüglich der DiPA’s warten wir auf News vom Bundesgesundheitsministerium bzw. BfARM welche Voraussetzungen hier benötigt werden und wie hoch die tatsächliche Refudierungssumme seitens der Krankenkassen ist. Wenn dies der Fall ist, kommt die nächste Phase der Zulassungen der DIPA-Hersteller. Ich hoffe, dass dies bald passieren wird, denn pflegende Angehörige und Pflegekräfte brauchen dringend Unterstützung. Was mir aber bei der digitalen Transformation einfällt, die anschließend ein großes Thema sein wird, sind TI-Messenger , der für eine raschere, sichere Kommunikationsmöglichkeit in der stationären wie auch ambulanten Gesundheitsversorgung sorgen wird. Beispielsweise können hier bei komplexen Krankheitsgeschehen Hausärzte und Hausärztinnen mit den pflegebedürftigen/pflegenden Angehörigen und auch Pflegediensten direkt kommunizieren. Es können hier auch auf sichere Art und Weise ausgetauscht werden (Anm. d. Redaktion: Interessierte können unser Interview mit Sassan Sangsari von Siilo lesen, die dieses Aufgabe angeht.)

MvM: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Kontakt: Moser Miriam, Digital.-und Pflegepionierin, www.linkedin.com/in/miriam-moser-a2a189a7

1: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/_inhalt.html

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Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de
LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

Benedikt Kieslich

Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

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