App zur Demenzprävention: Mentalee-Gründerin und Medizinstudentin Svenja Zihsler im Interview

Über die Interviewpartnerin Svenja Zihsler (B. Sc.):

Credits: Tobias Blank

„Als ehemalige Profisportlerin und Trainerin im Schwimmen ist es mir wichtig, die körperliche, aber auch geistige Leistungsfähigkeit des Einzelnen zu erhalten und zu verbessern. In meinem Studium der Molekularen Medizin lernte ich viel über aktuellste Forschung und Therapiemöglichkeiten, welche besonders bezogen auf die Neurologie und neurodegenerative Erkrankungen mein Interesse weckten. Mit dem Ziel des Facharztes für Neurologie, um die Therapie für diese Erkrankungen zu optimieren, befinde ich mich im Doppelstudium mit der Humanmedizin, in welchem ich als Promotionsstipendiatin der kognitiven Neurologie zur Zeit meine Doktorarbeit verfasse. Mit der Gründung des Start Ups Mentalee möchte ich bereits jetzt mein Wissen einbringen und (Risiko-) Patienten frühzeitig eine wissenschaftlich-basierte und personalisierte Prävention bieten.“

Das Interview

MvM: Hallo Svenja, vielen Dank für deine Teilnahme am Interview. Als Medizinstudentin und Doktorandin hast du das Start-up Mentalee zur Demenzprävention und -therapie gegründet und suchst Unterstützer bei Startnext. Was macht denn die App, die dein Start-up entwickelt, besonders?

SZ: Die App bietet ein individuell an das Leistungsniveau des Nutzers angepasstes Präventionsprogramm nach aktuellem Forschungsstand, welches sportliche und koordinative Übungen in den Fokus setzt, da diese in Studien den größten Erfolg zeigten. Mit der App soll es jedem Nutzer ermöglicht werden eine für sich optimale Prävention zu erhalten und frühzeitig zu starten. Gleichzeitig soll die App als Ergänzung der bestehenden Demenzpräventionsprogramme in Alten- und Pflegeheime genutzt werden können. Eine klinische Studie an der Universitätsmedizin Göttingen ist bereits in Planung, weshalb über unser Crowdfunding nun die zügige App-Weiterentwicklung bis zur Studienreife finanziert werden soll.

Logo der App Mentalee

MvM: Wie kamst du auf die Idee, eine App im Demenzbereich ins Leben zu rufen?

SZ: Während meines Studiums der Molekularen Medizin hatte ich die Möglichkeit in der Neurologie Patienten kennenzulernen und wurde über den Forschungsstand der Krankheitsbilder belehrt. Als ich mit meiner Oma telefonierte, erzählte diese mir, dass sie keinen Sport mehr mache, da die Übungen im Fernsehen, die sie zuvor immer gerne auch mit ihren Enkelinnen nachgemacht hat, zu schwer geworden sind. Zur Demenzprävention mache sie deshalb nur noch ein wenig Denksport, u.a. Kreuzworträtsel. Mir fiel dabei auf, dass Viele, unabhängig des Alters z.B. auch nach Verletzungen, dieses Problem der Überforderung oder aber auch einer Unterforderung kennen. Gerade weil mir bekannt war, dass die sportliche Aktivität am meisten zur Demenzprävention beiträgt, wollte ich deshalb ein individualisiertes Programm schaffen. 

MvM: Ich stelle mir als eine besondere Herausforderung vor, eine App zu entwickeln die intuitiv für Senioren zu benutzen ist, insbesondere für solche die von Demenz betroffen sind. Wie schafft ihr es, Benutzeroberfläche und -erfahrung (UI/UX) seniorengerecht zu gestalten?

SZ: Die Benutzeroberfläche der App ist simpel gehalten mit hohen Kontrasten, großer Schriftgröße und mit einem natürlich-aussehenden 3D-Avatar ausgestattet, mit welchem virtuell kommuniziert werden kann. Dieser führt einem die Übungen vor und erklärt diese zusätzlich, und gibt auch direkt Rückmeldung über deren Ausführung. Es handelt sich also um einen virtuellen Personal Trainer, der gleichzeitig wie durch viele Studien gezeigt die soziale Komponente fördert. Die App soll aber auch für jüngere Risikopatienten eine erste Möglichkeit der Demenzprävention noch vor Krankheitsbeginn bieten.

Bild aus der App Mentalee

MvM: Welche Rolle spielen dein Wissen aus dem Bachelor und Medizinstudium, bzw. deine wissenschaftlichen Erfahrungen als Doktorandin in der Neurologie für die Gründung? Beruht deine Idee auf Forschungsergebnissen?

SZ: Durch mein Studium und die Doktorandentätigkeit konnte ich mein Wissen in der Neurologie vertiefen und mir ist es möglich immer neueste Forschungs- und Studienergebnisse zu erhalten und evaluieren. Diese kann ich somit direkt auch in der App berücksichtigen und Mentalee soll sich für diese Forschungsnähe auszeichnen. Deshalb ist uns die Durchführung einer klinischen Studie, um u.a. die optimale Dauer und Häufigkeit der App-Nutzung herauszufinden, sehr wichtig.

MvM: Du hast ein Forschungspraktikum in Stanford absolviert. Haben deine Erfahrungen aus dieser Zeit irgendeinen Einfluss auf dein aktuelles Projekt? Würdest du forschungsinteressierten Medizinstudierenden empfehlen, sich für so ein Praktikum zu bewerben?

SZ: Ich kann definitiv jedem empfehlen ein Auslandspraktikum zu absolvieren, da mich dieses sehr viel gelehrt hat. Man lernt die Forschungsarbeit aus einer anderen Perspektive kennen, wie in meinem Fall durch das Erlernen neuester Methoden und das gleichzeitige Arbeiten an mindestens drei Projekten. Des Weiteren konnte ich mich sprachlich und besonders persönlich sehr weiterentwickeln. Bezogen auf das Projekt Mentalee hatte ich bereits seit geraumer Zeit zuvor den Willen die Demenzprävention zu optimieren, aber nicht den Mut ein Unternehmen zu gründen, da ich bis dahin keine Berührungspunkte damit hatte. Die Start Up Szene im Silicon Valley, zu welcher mein dortiger kurzzeitiger Mitbewohner gehörte, öffnete mir quasi eine neue Welt. Daraufhin bewarb ich mich bei der Sporthilfe für deren Start Up Academy, in welcher mir Grundkenntnisse zur Unternehmensgründung und -führung vermittelt wurden, wodurch die Idee nun verwirklicht wird.

MvM: Wer gehört neben dir zum Unternehmen? Wie hast du es geschafft, ein Team zu finden?


SZ: Nach dem Gewinn der Sporthilfe Start Up Academy erklärte sich mein Bruder, Jens Zihsler, bereit mich zu unterstützen und fand direkt auch einen Kommilitonen der Medieninformatik, Denis Schwager, der nun als App-Entwickler Teil des Teams ist. Jens ist weiterhin Mentor des Start Ups und unterstützt mit seinem Angestellten und ebenfalls Schwimmer, Robin Brockhaus, die Programmierung. Meine Mutter, Elke Zihsler, ist BWLerin und Gesundheitsförderin, weshalb sich die Akquise hier als leicht darstellte.

MvM: Bei Startnext wollt ihr 10.000€ einsammeln. Was sind die nächsten Schritte bei Erreichen dieses Ziels?

SZ: Wir möchten die Übungsauswahl erweitern und die Erkennung der Übungen, da diese in unserer App objektiviert wurde, verbessern. Auch die Sprachbedienung der App, die technisch Aversen oder Sehbeeinträchtigten die Nutzung ermöglichen wird, soll weiterentwickelt werden.

MvM: Du hast ein Startup in einem anspruchsvollen regulatorischen Umfeld gegründet. Wie sehen deine Pläne bezüglich Zulassung als App auf Rezept aus? Wie wird die klinische Validierungsstudie ablaufen, mich würde insbesondere interessieren, wie du klinische Kooperationspartner dafür gefunden hast?

SZ: Die Zulassung ist in der Tat anspruchsvoll und eine klinische Studie, bei unserem Ziel die App auf Rezept erhalten zu können, unausweichlich. Ich kontaktierte deshalb den Leiter der Lern- und Gedächtnisambulanz an der Universitätsmedizin Göttingen, Priv.-Doz. Dr. Björn Schott, bei welchem ich zuvor bereits eine Hospitation abgelegt hatte. Dieser war von Anfang an begeistert und fand weitere Institute der Demenzforschung, die in die klinische Studie involviert sein werden, um weitere Erkenntnisse über die Demenzerkrankung zu erhalten. Die Studie soll im Oktober 2022 starten und eine Laufzeit von einem Jahr haben, danach soll die App Mentalee als Medizinprodukt zur Verfügung stehen. Die Studie wird Patienten in frühen Stadien ihrer Alzheimer-Demenz untersuchen mit einem mittleren Alter von 65 Jahren, unter Ausschluss solcher Patienten mit schweren Komorbiditäten.

MvM: Wie haben deine Kolleginnen und Kommilitonen auf die Gründung reagiert? 

SZ: Von den Allermeisten kam eine sehr positive Rückmeldung und ein erstauntes “Was machst du noch alles?”. Von Wenigen aber auch die Aussage, sie hätten auch eine Idee und Interesse selbst etwas zu gründen. Diesen ging es genauso wie mir, bevor ich zur Start Up Academy ging, und sie waren froh, ein paar Tipps erhalten zu können, gerade auch dass die Uni Göttingen eine Gründungsförderung bietet.

MvM: Was würdest du aus deiner Erfahrung einem jungen Wissenschaftler oder einer jungen Ärztin, insbesondere auch anderen Studierenden, raten, die eine innovative Idee zur Verbesserung der Diagnostik, Therapie oder Prävention haben? Gibt es etwas, was du gerne am Anfang deines Gründungswegs gewusst hättest?

SZ: Dass die Gründungsförderung der Uni und der SNIC Life Science Accelerator sehr gute Anlaufstellen sind, die nicht nur über Fördermöglichkeiten beraten sondern auch ähnlich wie ich das durch die Start Up Academy erfahren habe, Kurse zur Unternehmensgründung anbieten, u.a. wie erstellt man Canvas, Pitch und Businessplan. Auch gibt es für jede Start-Up-Stufe unterschiedliche Stipendien z.B. der NBank, Fonds und Wettbewerbe, wie der Crowdfunding-Wettbewerb bei dem wir noch wenige Tage auf StartNext teilnehmen.

MvM: Hast du einen Tipp dafür, wie man die Tätigkeit im Startup mit dem Studium und der Doktorarbeit zeitlich gut verbinden kann? 

SZ: Eine gute Organisation und Belastbarkeit ist hier sehr wichtig und man muss auf vieles Andere verzichten können, was mir meine Karriere als Profisportlerin beigebracht hat. Aber wenn man das Ziel hat, kann man es immer schaffen, man muss nur dranbleiben und darf sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen.

MvM: Zum Schluss: Suchst du Mitarbeiter*innen, Partner*innen oder sonstige Unterstützung? Wie können Interessierte über das Projekt auf dem Laufenden bleiben bzw. mit dir in Kontakt treten?

SZ: Zuerst einmal sind wir jedem einzelnen Unterstützer unseres Crowdfundings sehr dankbar und haben hier auch einige Dankeschöns zur Auswahl. Das Start-Up kann auf unserer Website mentalee.com und den gängigen Social-Media-Kanälen verfolgt werden und bei Fragen darf man uns jederzeit gerne kontaktieren. Demnächst werden wir noch Sportwissenschaftler*innen und Unterstützung durch weitere BWLer*innen und Informatiker*innen benötigen. Für Gespräche zu Investitionen und Partnerschaften sind wir offen. 

MvM: Liebe Svenja, vielen Dank für das Gespräch.

SZ: Ich danke Dir.

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E-Mail:     team@mentalee.com, szihsler@gmx.de

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Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health.
E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

Simon Rösel

Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health. E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

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