Als Arzt die Digitalisierung mitgestalten – wie startet man als Mediziner eine Karriere in Digital Health? Interview mit Prof. Dr. med. Felix Hoffmann

Über den Interviewpartner:

Felix Hoffmann ist in Bergkamen aufgewachsen und hat in Düsseldorf Medizin studiert. Nach dem Studium folgte zunächst die Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, bevor er schließlich seinen Tätigkeitsschwerpunkt wechselte und seit einigen Jahren im Projektmanagement verschiedener Krankenhäuser der Maximalversorgung tätig ist. Aktuell leitet er die Stabsstelle für medizinische Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt, wo er zahlreiche Restrukturierungs- und Digitalisierungsprojekte verantwortet. Seit Januar 2022 ist er Professor für Digital Health an der Apollon Hochschule in Bremen.

Prof. Dr. Felix Hoffmann (Foto: privat)

Das Interview

MvM: Hallo Herr Hoffmann! Wir freuen uns mit Ihnen über das Thema Digital Health und insbesondere die damit verbundenen Karrieremöglichkeiten für Mediziner*innen zu sprechen. Da die Digitalisierung erst jetzt richtig Fahrt aufnimmt im Gesundheitsbereich, sind die damit verbundenen Karrieoptionen noch relativ neu. Umso hilfreicher ist es für Studierende wie uns, sich auszutauschen mit Menschen, die diese neuen Wege schon beschritten haben und Erfahrungen mit uns teilen. In diesem Sinne möchten wir Ihnen herzlichen danken für die Bereitschaft zum Interview.

Lassen Sie uns damit anfangen, wie Sie als Arzt zu dem Thema “Digital Health” gekommen sind und was Sie dazu bewegt hat, sich professionell damit auseinanderzusetzen.

FH: Der Berufswunsch „Arzt“ entstand bei mir kurz nach dem Abitur, als ich meinen Zivildienst als Rettungssanitäter ableistete. Nachdem ich das Studium schließlich abgeschlossen hatte und meine Approbationssurkunde in den Händen hielt, war ich an meinem Ziel angekommen und freute mich auf den Beginn meiner chirurgischen Weiterbildung.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich bemerkt habe, dass viele Prozesse im Krankenhaus nicht rund laufen und Patienten unter Umständen sogar als Störfaktoren wahrgenommen werden („Warum gehen Sie damit nicht zum Hausarzt?“). Das entsprach ganz und gar nicht meiner Idealvorstellung eines Gesundheitswesens, in dem ich gerne arbeiten möchte. Meiner Meinung nach sollte jeder Patient zu jedem Zeitpunkt einen Zugang zu einer für ihn bestmöglichen Behandlung haben.

Ich begann also bereits sehr früh während meiner Weiterbildung, mich aktiv in Projekte einzubringen, die die Prozessinfrastruktur im Krankenhaus verbesserten. Mit Bestehen meiner Facharztprüfung wurde mir von der Geschäftsführung meines damaligen Klinikums angeboten, mich in Vollzeit um Projekte zu kümmern.

Das war 2017, seitdem befasse ich mich hauptberuflich mit der Prozessentwicklung von Krankenhäusern. Die Digitalisierung ist in diesem Zusammenhang essenzieller Bestandteil meiner Tätigkeit, da Prozessentwicklung und Digitalisierung untrennbar miteinander verbunden sind.

Viele Prozesse im Krankenhaus laufen nicht rund. Patienten werden sogar unter Umständen als Störfaktoren wahrgenommen („Warum gehen Sie damit nicht zum Hausarzt?“)

Prof. Dr. Felix Hoffmann

MvM: Sie sind jetzt Professor für Digital Health bei der Apollon Hochschule, Leiter der Stabsstelle für medizinische Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt und CEO des Unternehmens MDR Scout. Können Sie uns einen Einblick in Ihre Tätigkeiten dort geben? 

FH: Sehr gerne. Fangen wir chronologisch an.

Am Klinikum Darmstadt begann ich vor gut zwei Jahren, befasste mich im Jahr 2020 allerdings fast ausschließlich mit Corona. Mittlerweile gehört Corona auch in Krankenhäusern zum Alltag und so habe ich mittlerweile wieder mehr Zeit für meine eigentlichen Themen. Dabei befasse ich mich schwerpunktmäßig mit den großen Schnittstellen: Wie kommt der Patient ins Krankenhaus hinein, wie kommt er hinaus und was geschieht zwischendurch? Nachdem wir im letzten Jahr zunächst ein großes Digitalisierungsprojekt in der Notaufnahme durchgeführt haben, folgt nun ein weiteres Projekt, in dem wir die Ambulanzen des Klinikums neu strukturieren und digitalisieren. Parallel finden immer wieder kleinere Projekte statt, die sich mit bestimmten Prozessen innerhalb des klinischen Betriebs befassen.

MDR Scout ist ein kleines StartUp, das derzeit noch in der Entstehungsphase ist. Wir digitalisieren den Prozess rund um die Einweisungen in Medizinprodukte, da ich aus leidvoller Erfahrung weiß, wie müßig und fehleranfällig die Dokumentation auf Papier sein kann. Perspektivisch sehe ich hier eine ganze Reihe an Prozessen, die wir digital abbilden und somit zu einer Verbesserung der Versorgungslandschaft beitragen können.

An der Apollon Hochschule bin ich schon seit einigen Jahren als Lehrbeauftragter tätig. Nun leite ich als Professor für Digital Health den Studiengang „Digital Health Management (M.A.)“, der voraussichtlich im Sommer 2022 starten wird. Dabei handelt es sich um einen weiterbildenden Studiengang, der sich an berufstätige Menschen im Gesundheitswesen richtet, die gezielt digitale Kompetenzen aufbauen möchten.

MvM: Sie haben nach Abschluss des Medizinstudiums mehrere Masterstudiengänge (Medizinrecht, Health Management) absolviert und leiten künftig den Masterstudiengang “Digital Health Management” an der Apollon Hochschule Bremen. Wie kam es bei Ihnen zu der Entscheidung, sich in Form von Masterstudiengängen weiterzubilden?

FH: Nachdem ich mit den Prozessen im Krankenhaus unzufrieden war, bemerkte ich schnell, dass guter Wille alleine nicht reicht, um etwas zu verändern. Es ist erforderlich, sich ganz gezielt Managementskills anzueignen, um Prozesse im Krankenhaus sinnvoll zu verändern. Und so entschied ich mich schließlich dafür, den Master of Health Management zu studieren.

Dass ich dann noch den Master of Laws in Medizinrecht studiert habe, lag daran, dass ich die Rechtswissenschaften immer schon spannend fand. Und so lag es nahe, dass ich mich auch ein drittes Mal an einer Universität eingeschrieben habe.

„Es ist erforderlich, sich ganz gezielt Managementskills anzugeignen, um Prozesse im Krankenhaus sinnvoll zu verändern.“

Felix Hoffmann hat nach seinem Medizinstudium unter anderem den Master of Health Management absolviert.

MvM: Für welche Menschen kommt der Studiengang “Digital Health Management” in Bremen in Frage und was würden Sie Interessenten raten? 

FH: Der Studiengang „Digital Health Management“ richtet sich an alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, bereits einen Bachelorabschluss vorweisen können und sich gezielt „digitale“ Kompetenzen aneignen wollen. Der Studiengang ist bewusst sehr breit aufgestellt und bereitet die Absolventinnen und Absolventen darauf vor, die digitale Transformation im Gesundheitswesen mit zu gestalten.

Potenzielle Tätigkeitsfelder nach Abschluss des Studiums sind beispielsweise Managementpositionen in Krankenhäusern, Arztpraxen, MVZ, Krankenkassen oder in der Industrie. Aber auch Menschen, die selbst ein Startup gründen möchten, in der Wissenschaft oder in der Politik tätig werden möchten, erhalten im Rahmen des Studiums wertvolles Wissen für die spätere Tätigkeit.

MvM: Wie haben Ihre Kolleg*innen und Ihr Umfeld auf Ihre berufliche Entwicklung reagiert, sich dem Thema Digital Health zu widmen?

FH: Im Großen und Ganzen hat mein Umfeld sehr positiv reagiert. Mittlerweile hat jeder verstanden, dass das Gesundheitswesen, wie es die letzten 30 Jahre bestand, nicht fortbestehen wird. Die gesamte Gesellschaft befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel von einer analogen hin zu einer digitalisierten Gesellschaft.

In der ganz konkreten Umsetzung von Projekten treffe ich allerdings immer mal wieder auf Bedenken, die oft auch begründet sind. Insbesondere ältere Beschäftigte (aber nicht nur! 😉 ) stehen vielen Veränderungen oft skeptisch gegenüber: Werden Stellen abgebaut? Werde ich bald arbeitslos sein? Werde ich die Herausforderungen meistern können? Werde ich mich auf der Arbeit noch wohl fühlen? Wird die Medizin menschlich bleiben?

Es ist wichtig, die von den Veränderungen betroffenen Beschäftigten mitzunehmen und behutsam mit ihren Ängsten und Sorgen umzugehen. Durch ein hohes Maß an Kommunikation, Einfühlungsvermögen und Transparenz gelingt es dann aber in der Regel recht gut, die Balance zwischen Veränderung und Sicherheitsbedürfnis der Beschäftigten herzustellen.

MvM: Was würden Sie aus einem jungen Medizinstudenten oder einer jungen Ärztin raten, die sich für das Thema Digital Health interessieren, gerade auch als Karriereweg?

FH: Höre in dich hinein, finde deinen Weg und gehe diesen auch dann, wenn er mitunter mal beschwerlich ist! Viel mehr kann man jungen Medizinstudierenden oder Ärzten nicht raten.

Es gibt Menschen, die ihre Karriere planen und sich überlegen, wo sie in 5, 10 oder 20 Jahren stehen wollen. Das habe ich nie gemacht, denn es ging mir nie um eine Karriereleiter, die steil nach oben führt. Stattdessen war es immer mein Ziel, eine Karriere zu beschreiten, die zu mir passt und die mich glücklich macht.

Ich bin getrieben von meinem Purpose, das Gesundheitswesen zu einem Ort zu machen, wo ich mich sowohl als Arzt als auch als Patient gut aufgehoben fühle. Aktuell ist der größte Hebel, dieses Ziel zu erreichen, ein gut durchdachtes Prozessmanagement verknüpft mit einer sinnvollen Digitalisierungsstrategie. Und deshalb ist das „mein“ Thema geworden.

Höre in dich hinein, finde deinen Weg und gehe diesen auch dann, wenn er mitunter mal beschwerlich ist! Viel mehr kann man jungen Medizinstudierenden oder Ärzten nicht raten.

Prof. Dr. Felix Hoffmann

MvM: Haben Sie einen Tipp dafür, wie man sich schon parallel zum Medizinstudium im Bereich Digital Health fortbilden kann?

FH: Es ist wichtig, neugierig zu sein, vieles auszuprobieren und sich auch über Pflichtveranstaltungen hinaus fortzubilden. Ein gutes Netzwerk ist ebenfalls sehr wichtig und man sollte keine Scheu haben, mit interessanten Persönlichkeiten ins Gespräch zu kommen. Auf diese Weise können sich dann Möglichkeiten ergeben, in bestimmte Bereiche hinein zu schnuppern oder auch während des Studiums schon Verantwortung für das ein oder andere Projekt zu übernehmen.

MvM: Zum Schluss: Suchen Sie Mitarbeiter*innen, Kooperationspartner*innen oder ähnliches? Wie können Interessierte mit Ihnen in Kontakt treten?

FH: Ich bin immer an interessanten Begegnungen und Kooperationen interessiert. Das können gemeinsame Forschungsprojekte oder Digitalisierungsprojekte sein, aber auch interessante Gespräche. Oft reicht auch einfach das Interesse am Gegenüber, um ins Gespräch zu kommen und wertvolle Impulse zu erhalten. Übrigens gibt es im Bereich „Digital Health“ zahlreiche Themen, die sich beispielsweise für eine Doktorarbeit gut eignen können, die man gemeinsam ergründen kann.

Wer mit mir in Kontakt treten möchte, kann mich gerne bei LinkedIn adden oder mir eine E-Mail schreiben.

MvM: Lieber Herr Hoffmann, vielen Dank für das Gespräch.

Social Media:

https://www.linkedin.com/in/felix-hoffmann-8254a6b1/

Twitter: DrFHoffmann

E-Mail: Felix.Hoffmann@uni-duesseldorf.de

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Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health.
E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

Simon Rösel

Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health. E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

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