Bauchaorten-Aneurysma: Start-up Angiolutions entschärft die „Tickende Zeitbombe“ – Interview mit Co-Founder & CEO Uwe Raaz

Über den Interviewpartner (Priv.- Doz. Dr. med. Uwe Raaz)

Nach dem Studium der Medizin folgte für Dr. Raaz eine Weiterbildung zum Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin. Begleitend stellte die Gefäßmedizin den wissenschaftlichen Schwerpunkt seiner Arbeit dar, insbesondere auch während eines 4-jährigen Forschungsaufenthaltes an der Stanford University, USA. Dr. Raaz ist Mitgründer und Geschäftsführer der Angiolutions GmbH, die neue Behandlungsverfahren für Pateinten mit Herz-Kreislauferkrankungen entwickelt.

PD Dr. Uwe Raaz (Foto: privat)

Das Interview

MvM: Hallo Herr Raaz, vielen Dank, dass Sie an dem Interview teilnehmen. Sie sind Kardiologe, Wissenschaftler und Mitgründer des Unternehmens Angiolutions, das sich die Therapie von Bauchaortenaneurysmem auf die Fahnen geschrieben hat. Der Fokus Ihres Startups liegt auf der Entwicklung eines implantierbaren Devices, welches das Wachstum kleiner Aneurysmen verhindern soll. Denn gegenüber großen Aneurysmen, für die es bereits zugelassenen Implantate gibt, besteht für die kleinen Aneurysmen der Hauptschlagader bis dato noch kein Schutz vor dem Wachstum der “tickenden Zeitbomben”. Woher kamen die Idee und der Impuls, für dieses Problem ein Produkt zu entwickeln und ein Unternehmen zu gründen?

UR: Hallo Herr Rösel! Zunächst ganz herzlichen Dank für die Einladung. Es freut mich immer sehr, meine Erfahrungen teilen zu können, um so vielleicht auch andere Interessierte für das spannende und breite Feld der medizinischen Innovation zu begeistern.

Bei uns kam der Impuls zur Unternehmensgründung zum einen – wie von Ihnen angesprochen – aus der aktuell fehlenden Versorgungsmöglichkeit für zahlreiche Patienten und Patientinnen mit kleinem Aneurysma. Gleichzeitig haben wir im Rahmen unserer Grundlagenforschung einen vielversprechenden neuen Behandlungsansatz identifiziert. Genauer gesagt haben wir entdeckt, dass aufgrund unterschiedlicher Gefäßsteifigkeiten eines Aneurysmas und dem angrenzenden gesunden Gefäßabschnitt ein mechanischer Reiz entsteht, der das weitere Aneurysmawachstum „antreibt“. Ein Ausgleich dieses
„Gefäßsteifigkeitsgradienten“ kann dabei das Fortschreiten der Erkrankung verhindern (https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCULATIONAHA.114.012377?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed). Um dieses Behandlungsprinzip möglichst rasch in die Klinik überführen zu können, haben wir Angiolutions gegründet.

MvM: Welche Rolle spielen bei Ihrer Gründung Ihre eigenen wissenschaftlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, bzw. Ihre klinische Erfahrung als Kardiologe? 

UR: Ich denke, dass für meine aktuelle Tätigkeit Erfahrungen in beiden Bereichen immens wichtig sind. Ärzte können relevante „Lücken“ in der klinischen Versorgung identifizieren und sind gleichzeitig mit etablierten Behandlungsmethoden vertraut. So verstehen wir, wie hier „Neues“ sinnvoll integriert werden kann. Dies ist gerade im Bereich der invasiven Herz-Kreislaufmedizin entscheidend. Wissenschaftliche Erfahrung hilft uns sowohl im „erfinderischen“ Bereich, wo die ersten Ideen und Konzepte entwickelt werden, als auch bei der Konzeption und Durchführung von entsprechenden Studien, um die neue Methode weiter zu validieren.

MvM: Sie haben mehrere Jahre in den USA geforscht. Wie haben Sie das dortige Medizin- und Forschungsumfeld im Vergleich zu Deutschland erlebt, insbesondere mit Hinblick auf die Innovationsbereitschaft und die Motivation zum Gründen? Würden Sie jungen Mediziner*innen, die sich vorstellen können, aus der Wissenschaft heraus ein Start-up zu gründen, so einen Aufenthalt empfehlen?

UR: Die Erfahrungen aus diesen Jahren waren sehr prägend für mich. In Stanford waren wissenschaftliche Ausgründungen bereits sehr etabliert und professionalisiert und von der Universität entsprechend unterstützt. In Deutschland ist dieser Trend nun auch mehr und mehr spürbar. Ich denke, dass junge Mediziner*innen aus Deutschland nach wie vor sehr von einem Blick über den Tellerrand profitieren können.

MvM: Wer gehört neben Ihnen und Frau Dr. Schellinger, der Mitgründerin und CEO, noch zum Unternehmen? 


UR: Das Spannende an einer Ausgründung aus der Wissenschaft ist die Tatsache, dass neben dem Kernthema Forschung und Entwicklung viele weitere Arbeitsbereiche, wie Qualitätsmanagement, Regulatorik, IP, Kommunikation, Finanzen, Rechtsfragen, etc. bearbeitet werden müssen. Hier haben wir als Gründungsteam das große Glück, auf ein großes Netzwerk zugreifen zu können, das mit uns gemeinsam diese Bereiche bearbeitet.

MvM: Ihr Unternehmen hat ein Investment u.a. durch die NBank bekommen. Was sind Ihre nächsten Schritte, die Ihnen diese Finanzierung ermöglicht? 

UR: Ein neues Medizinprodukt auf den Markt zu bringen ist eine große Aufgabe, vor allem wenn es um einen komplett neuen Therapieansatz geht. Wir wollen unsere Innovation so schnell wie möglich in die Klinik überführen und müssen dafür unsere Kapazitäten und Kompetenzen ua. in den Bereichen der Forschung, Regulatorik & Zulassung, Marketing, Produktion und Strategie weiter aufbauen.

MvM: Sie haben ein Startup in einem anspruchsvollen regulatorischen Umfeld gegründet. Wie haben Sie den Prozess der Entwicklung des Medizinprodukts vor dem Hintergrund strikter Auflagen hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit bisher erlebt?

UR: Die regulatorischen Vorgaben sind, wie von Ihnen richtig erwähnt, für implantierbare Devices natürlich erheblich und gerade auch aus Sicherheitsaspekten absolut notwendig.

Sie helfen aber auch als eine Art „Leitschiene“, einen Entwicklungsprozess, der ja über einige Jahre geht, sinnvoll strukturieren zu können.

MvM: Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung einem jungen Wissenschaftler oder einer jungen Ärztin raten, die eine innovative Idee zur Verbesserung der Diagnostik, Therapie oder Prävention haben? Gibt es etwas, was Sie gerne am Anfang Ihres Gründungswegs gewusst hätten?

UR: Zunächst: Glauben Sie an Ihre Idee! Lassen Sie Ihre Idee im zweiten Schritt von möglichst vielen Seiten auf ihre Umsetzbarkeit überprüfen. Dies kann z.B. über die Teilnahme an einem Incubator/Accelerator-Progamm erfolgen. Entscheiden Sie danach möglichst rasch: „Ganz oder gar nicht.“ Versammeln Sie ein diverses Team von Menschen, die alle in ihren Bereichen mindestens so gut sein sollten, wie Sie in Ihrem. Freuen Sie sich auf die abwechslungsreichste berufliche Reise Ihres Lebens 

MvM: Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen auf die Gründung reagiert? 

UR: Viele fanden es sehr spannend – aber auch eher unkonventionell für einen Arzt im universitären Betrieb. Meine Motivation, Medizin und Wissenschaft zu verbinden, lag jedoch schon immer im Bereich der „Translation“ von wissenschaftlichen Konzepten in die Patientenversorgung. Hier halte ich es für absolut sinnvoll, das Konzept des „clinician-scientist“ um die Komponente „entrepreneur“ zu erweitern. Ein sehr aktuelles prototypisches und strahlendes Beispiel hierfür stellt sicher das Gründungsteam von BioNTech dar.

MvM: Haben Sie einen Tipp dafür, wie man die Tätigkeit im Startup mit einer klinischen und/oder Forschungskarriere zeitlich gut verbinden kann? 

UR: Meiner Ansicht nach, gibt es hier zwei Möglichkeiten: Die erste ist eine aktive, operative Rolle im Startup. Diese Aufgabe ist jedoch vom zeitlichen Umfang mit keiner größeren weiteren Tätigkeit kompatibel. Die zweite Möglichkeit wäre die Rolle eines externen Beraters, was in meinen Augen eine spannende und sinnvolle Erweiterung des primären ärztlichen oder wissenschaftlichen Tätigkeitsfelds darstellen kann.

MvM: Zum Schluss: Suchen Sie Mitarbeiter*innen, Partner*innen oder sonstige Unterstützung? Wie können Interessierte über Ihr Projekt auf dem Laufenden bleiben bzw. mit Ihnen in Kontakt treten?

UR: Klar, bitte treten Sie jederzeit gern mit uns in Kontakt (s.u.). Wir freuen uns über Ihre Nachricht.

MvM: Lieber Herr Raaz, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Kontaktdaten

LinkedIn: https://www.linkedin.com/company/angiolutions/

E-Mail: contact@angiolutions.com

WWW: https://www.angiolutions.com

Copyright:

Titelbild basiert auf dem Werk von: BruceBlaus, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

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Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health.
E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

Simon Rösel

Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health. E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

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