Gleichberechtigung und Diversität in der Medizin: Interview mit Dr. med. Brandi Freeman aus der „Tour for Diversity in Medicine“ Teil 2

Das Interview wurde in zwei Teile aufgeteilt. In diesem zweiten Teil geht es um die Perspektive zu Gleichberechtigung und Diversität in der Medizin im Allgemeinen von Dr. med. Freeman. Im ersten Teil geht es um ihren Werdegang und ihre Arbeit bei „Tour for Diversity in Medicine“. Den ersten Teil können Sie hier lesen. Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt. Die englische Originalversion können Sie hier lesen: Part 1 (English) und Part 2 (English).

Polina: Wie genau zeichnen sich Rassismus oder Diskriminierung auf Studierende oder Studieninteressierte während ihres Studiums oder ihrer Bewerbung an der medizinischen Fakultät in den USA ab? Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Faktoren?

Dr. med. Freeman: Leider begleitet institutioneller Rassismus die Menschen entlang des gesamten Weges zum Medizinstudium, nicht erst bei der Bewerbung. Durch meine Erfahrung als Kinderärztin habe ich bemerkt, dass die Chancen auf Erfolg im Medizinstudium noch auf die Möglichkeiten zurückgeht, die die Kinder in der Vorschule oder sogar im Kindergarten hatten. Wenn sie also nicht schon früh die Möglichkeit haben, optimal zu lernen, werden sie im Kindergarten nicht gut abschneiden, was es ihnen erschwert, in der Grundschule und dann in der High School gut zu sein. Und wenn man in der High School nicht gut abschneidet, wird es für einen schwieriger, im College gut zu sein, was es für einen viel schwieriger macht, in das Medizinstudium reinzukommen.

Wenn wir uns die Bewerbungen ansehen, schauen wir uns die Aktivitäten der Abiturienten an, die Forschungsprojekte, an denen sie teilgenommen hatten, ihre Motivationsschreiben und so weiter… Es gibt viele Bereiche, in denen Diskriminierung und Rassismus die Bewerbung beeinflussen. Stellen wir uns als Beispiel einen Studenten mit einem Migrationshintergrund vor, der keine Gelegenheit bekam, ein Praktikum zu machen, weil die zuständige Person voreingenommen war und die Bewerbung ablehnte. So erhöhte dieses Praktikum die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderes einen Studienplatz in der Medizin bekommt. Ein weiteres Beispiel ist, wie jemand ein Motivationsschreiben schreibt oder Empfehlungsschreiben bekommt: Laut aktuellen Studien werden Menschen aus benachteiligten Gruppen (Frauen, ethnische Minderheiten, religiöse Minderheiten) mit anderen Worten beschrieben als Menschen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören. Man kann sich also vorstellen, dass in einem Empfehlungsschreiben ein weißer Mann mit gut klingenden Worten beschrieben wird, die auf jeden Fall gut bei der Bewerbung ankommen. Eine schwarze Frau hingegen wird aber oftmals mit anderen Worten beschrieben, was letztendlich die weißen Männer stärker aussehen lässt, selbst wenn beide Bewerber in der Realität gleich gut sind.

Leider begleitet institutioneller Rassismus die Menschen entlang des gesamten Weges zum Medizinstudium, nicht erst bei der Bewerbung.

Also ist es ziemlich schwer oder fast unmöglich nur eine Sache zu bestimmen, weil es, wie gesagt, so viele verschiedene Faktoren gibt. Deswegen ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, daran zu arbeiten, solche Verzerrungen im gesamten Lebensverlauf identifizieren zu können und die Art der zurückgelegten Entfernungen und die Bildungsmöglichkeiten, die die Menschen haben, zu verstehen. Wir müssen es mehrdimensional betrachten.

Polina: Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund für Diskriminierung im Gesundheitswesen? Ich meine dabei nicht nur die Diskriminierung gegenüber Medizinstudierenden und Ärzt*innen, sondern auch gegenüber Patient*innen und Pflegepersonal?

Dr. med. Freeman: Ich denke, dass fast am meisten dazu beitragenden Faktoren ist die unbewusste (oder implizite) Voreingenommenheit der Menschen. Das führt zu den Annahmen über eine Person, die nur aus Schlussfolgerungen basieren und nicht auf dem tatsächlichen Kennenlernen. Es gab eine Studie in den USA, die tatsächlich gezeigt hat, dass Medizinstudenten an einer Schule in den USA dachten, dass Schwarze auf die unterschiedliche Art und Weise als Weiße Schmerz empfinden. Es war eines dieser Dinge, bei denen sie irgendwann dieses Glaubenssystem entwickelt haben, infolgedessen sie dachten, schwarze Menschen seien weniger für Schmerzen anfällig und sie bräuchten weniger bis keine Schmerzmittel. Durch Vorurteile kann alles Mögliche passieren, sei es, jemanden zu sehen, der viele Tätowierungen hat, und davon auszugehen, dass die Person einen bestimmten Hintergrund oder einen bestimmten sozioökonomischen Status hat, oder eine Art von Versicherung zu sehen und etwas anderes anzunehmen. Meiner Meinung nach ist es für uns als Ärzt*innen essenziell, rechtzeitig diese Tendenz bei sich selbst zu erkennen und sich aufzuhalten.

Es gibt zwei Arten von Denksystemen: ein schnelles und ein langsames. Menschen sind oft auf das schnelle Denken angewiesen, was auch verständlich ist, da wenn man über jeden Schritt nachdenken müsste, man nirgendwo hinkommen würde. Leider kann das einen auch im Stich lassen, beispielsweise, wenn Patient*innen das Arztzimmer betreten und man schon etwas über den Menschen vermutet, alleine aufgrund des äußeren Auftretens. Also ist es sehr wichtig, daran zu arbeiten, solche Verzerrungen in unserem Denken zu erkennen und zu verstehen.

Ärzt*innen sind keine Götter. Wir sind ganz normale Menschen, die Informationen gelernt haben und sie anwenden, um anderen Menschen zu helfen.

Polina: 2019 und 2020 waren bemerkenswerte Jahre in der Geschichte des Kampfes gegen Diskriminierung und Rassismus aufgrund von solchen Bewegungen wie Black Lives Matter, Red Handprint und Stop Asian Hate. Haben diese Ereignisse Ihre Arbeit auf irgendwelche Art und Weise beeinflusst? Gab es vielleicht mehr Studierende, die sich aus diesem Grund an Sie gewendet haben?

Dr. med. Freeman: Ich glaube, das hat auf jeden Fall dazu beigetragen. Wir alle waren davon persönlich betroffen. Ich kann mir vorstellen, dass viele in der Pandemie die Motivation verloren haben könnten, weil es einfach gleichzeitig so viel und so wenig los war. Also haben diese Bewegungen uns, Tutoren, wirklich motiviert: wir haben noch eine Bestätigung bekommen, dass das, was wir machen, für die Gesellschaft wichtig ist. Wir haben aber die Schüler*innen nie wirklich gefragt, ob sie sich aufgrund dieser sozialen Bewegungen an uns gewendet haben.

Polina: Ich kann mir vorstellen, dass einige Studierende, die die Hilfe Ihrer Organisation brauchen, Angst haben, sie zu zeigen. Was würden Sie Medizinstudierenden weltweit sagen, die damit zu kämpfen haben? Warum ist es in Ordnung, um Hilfe zu bitten und nach einen Mentor/einer Mentorin zu suchen?

Dr. med. Freeman: Durch meiner Arbeit mit Medizinstudierenden und (besonders) Assistenzärzt*innen habe ich gelernt, dass, wenn man nicht bereit ist, um Hilfe zu bitten, man jemanden umbringen kann. Es ist eine sehr wichtige Fähigkeit, den Moment erkennen zu können, wann man Hilfe benötigt, und bereit sein zu können, unverzüglich darum zu bitten. Ich bitte sehr oft um Hilfe. Man muss das Beste für jeden Patienten/ jede Patientin tun, auch wenn man ihnen und seinen Kolleg*innen sagen muss, dass man noch eine weitere Meinung einholen muss. Viele denken, dass Ärzt*innen alles wissen. Keiner weiß alles. Und diejenigen, die glauben, sie wüssten alles, bringen wahrscheinlich Menschen um. Sie sollten also immer daran denken, dass wir keine Götter sind. Wir sind Menschen, die Informationen gelernt haben und sie anwenden, um anderen Menschen zu helfen.

Polina: Danke für Ihre Zeit und für das Interview!

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Polina Frolova

Polina studiert Humanmedizin an der Universität Göttingen und interessiert sich besonders für Unfallchirurgie und Orthopädie. E-Mail: polina@medizin-von-morgen.de

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