Finanzierung von medizinischen Robotern: Sie können immer mehr – aber wer bezahlt dafür? Ein Interview mit Götz Konstantin Bauer

Roboter sind Systeme, die dazu dienen, dem Menschen repetitive mechanische Arbeit abzunehmen1. Davon gibt es im Gesundheitssystem bekanntlich genug. Schon jetzt werden sie daher vielseitig eingesetzt, beispielsweise bei der Essensausgabe, der Laborauswertung oder gar als Operationsroboter. Das in Deutschland meist genutzte Da-Vinci-Operationssystem verursacht jedoch Anschaffungskosten von 1,1 bis 2,0 Millionen Euro2 . Derartige Beträge werfen die Frage auf, wie Krankenhäuser und Kliniken diese finanzieren können. Dabei werden sie durch Götz Konstantin Bauer als Account Manager bei CHG-Meridian Healthcare Technologies unterstützt. Er gibt uns in diesem Interview einen kaufmännischen Einblick in die Implementierung von Robotern in den Klinikalltag und zeigt auf, welche gesetzlichen Grundlagen für die Finanzierung bestehen.

Über den Interviewpartner

Als Account Manager bei CHG-Meridian Healthcare Technologies unterstützt Götz Konstantin Bauer Gesundheitsversorger bei der kaufmännischen Umsetzung von Digitalisierungsprojekten. Innovative und nachhaltige Life-Cycle-Konzepte in der roboterassistierten Chirurgie zählen hierbei zu seinem Aufgabenschwerpunkt.

Wie unterstützen Sie Krankenhäuser bei der Digitalisierungsstrategie? 

Mit der Erfahrung als Technologiemanager aus über 40 Jahren am Markt unterstützen wir Gesundheitsversorger bei der kaufmännischen Umsetzung ihrer Digitalisierungsprojekte. 

Auf der einen Seite steht das Gesundheitswesen vor den Herausforderungen fehlender Investitionsmittel und eines Investitionsrückstaus in Milliardenhöhen, auf der anderen Seite sind Krankenhäuser gezwungen, in die Digitalisierung und Modernisierung zu investieren, um eine adäquate Gesundheitsversorgung gewährleisten und wettbewerbsfähig sein zu können. Wir setzen hier mit innovativen Nutzungskonzepten an und entwickeln spezifische Lösungen, die es den Kliniken erlauben, technologisch immer up to date zu bleiben – ohne dabei die vorhanden Budgets aufzubrechen oder Investitionsspitzen zu bilden. 

Auf welche Hindernisse stoßen Sie dabei? 

Die Realität zeigt jedoch, dass Krankenhäuser oft Technologien kaufen und diese weit über die Abschreibungszeiten hinaus nutzen, wobei über die Zeit oft sehr hohe Reparatur sowie Service- und Wartungskosten in Kauf genommen werden. 

Dem entgegnen wir in der Regel aber erfolgreich mit transparenzschaffenden TCO Analysen (Anm. d. Red: Total Cost of Ownership), wobei nicht nur die Anschaffungskosten betrachtet, sondern auch alle im Zusammenhang mit einer neuen Technologie anfallenden Kosten, wie Verbrauchsmaterialien, Wartung- und Servicekosten sowie Schulungen betrachtet werden. Zusätzlich werden hier aber auch zukünftige Erträge durch eine Wiedervermarktung nach der Nutzungsdauer mit eingerechnet. Diese Gesamtkosten werden dem Krankenhaus dann in einer monatlich planbaren und transparenten Rate in Rechnung gestellt. 

Wie würden Sie die politische Grundlage für die Finanzierung von Robotern verändern? 

Hierzu muss man zunächst einen Blick auf die aktuelle Situation am Markt werfen. Seit der Verabschiedung des KHG (Krankenhausfinanzierungsgesetz) 1972 gilt in Deutschland die duale Finanzierung. Die Finanzierung der Betriebskosten erfolgt seither über die Krankenkassen, die Investitionsfinanzierung ist Aufgabe der öffentlichen Hand. Zudem ist es so, dass der Einsatz von roboterassistierten Systemen im DRG Fallpauschalen-Katalog zwar hinterlegt, jedoch aber aktuell nicht vergütet wird. Unterm Strich verursacht der OP-Roboter also momentan noch Kosten, die nicht vergütet werden. 

Mit dem KHZG (Krankenhauszukunftsgesetz) geht die Politik jedoch einen wichtigen Schritt, denn mit milliardenschweren Krankenhauszukunftsfonds stellt der Bund unter anderem auch Geld für die Robotik bereit. Laut Fördertatbestand 9 sind die Beschaffung, Errichtung, Erweiterung oder Entwicklung informationstechnischer, kommunikationstechnischer und robotikbasierter Systeme förderfähig. 

Ich bin der Meinung, dass der Einsatz von Robotik und die damit einhergehende Optimierung der Strukturen und Prozesse ein erhebliches Einsparpotenzial birgt und das Thema über das KHZG hinaus auch im Rahmen des Fallpauschalen-Systems mehr Relevanz bekommen sollte. 

Welche Aufgaben übernehmen Roboter derzeit im Krankenhaus und welche werden sich in Zukunft anschließen? 

Hauptsächlich kommen OP-Roboter heute in der Urologie, Gynäkologie, HNO sowie der Gelenk- und Viszeralchirurgie zum Einsatz. Zudem werden Roboter in Laboren und oder auch Apotheken, bspw. für die Herstellung von Zystostatika, eingesetzt. Zudem sind Roboter aber auch in der Logistik, dem Transport und der Reinigung im Einsatz. 

Die Zukunft wird durch die Konvergenz von KI, chirurgischer Robotik und Datenerfassung gekennzeichnet sein. Zudem wird in Zukunft der Trend vom Mikroskop hin zu Kameras, 3-D-Bildschirm und Videobrillen gehen. Entwicklungen wird es außerdem in der Haptik geben, sodass es dem Chirurgen möglich sein wird, das Gewebe eines Körpers von einem anderen Ort aus zu sehen und zu „fühlen“. 

Werden Roboter bald auch ganz eigenständig arbeiten beispielsweise bei der Durchführung einer OP? 

Ein Roboter soll und kann den Arzt nicht ersetzen, kann ihm aber als hochpräzises Werkzeug dienen. Mit dem Einsatz von KI wird aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in baldiger Zukunft auch der autonome Einsatz von Robotern möglich sein. Aktuell arbeitet ein Forscherteam an der University of California, Berkeley an diesem Thema. 

Welche Roboter gibt es derzeit, um gerade die Pflege zu unterstützen? 

Im der Pflege sehen wir aktuell speziell Entwicklungen bei Exoskeletten zur Hebeunterstützung für Pflegekräfte. Des Weiteren tut sich einiges beim Einsatz von Lösungen zur Telepräsenz von Angehörigen oder Pflegekräften im häuslichen Umfeld sowie beim Einsatz von Kommunikationsrobotern im therapeutischen Umfeld. 

Sind die Teilnehmer des Gesundheitswesens, besonders Ärzte und Pfleger ausreichend für die Anwendung von Robotern geschult? 

Mit der Beschaffungen eines Robotiksystems gewährleisten die Hersteller in den meisten Fällen adäquate Schulungs- und Trainingsprogramme für die Anwender. Diese Schulungsmaßnahmen sind essentiell wichtig, denn nur wenn die Systeme richtig eingesetzt werden, können sie auch einen Mehrwert leisten. 

Auf welche Reaktionen stoßen Sie bei der Einführung eines neuen Roboters bei der Krankenhausbelegschaft. Werden die damit verbundenen Änderungen im Arbeitsablauf positiv oder eher negativ aufgenommen? 

Die Reaktionen sind meist positiv. Von vielen Kunden hören wir, dass Robotersysteme gerade vom ärztlichen Personal, speziell den Chefärzten, gewünscht oder sogar gefordert werden. Im Prinzip soll ein Robotiksystem eine Entlastung für das Personal darstellen, was bei den meisten Anwendern auch entsprechend wahrgenommen wird. Interessant ist vor allem, dass die technische Ausstattung eines Hauses eine immer wichtigere Rolle bei den Entscheidungen der Bewerber im medizinischen Bereich spielt. 

Inwiefern verursachen hohe Investitionen in einen Roboter auf Seiten des Krankenhauses und besonders bei den Ärzten einen gesteigerten Kostendruck? Die Ausgabe soll sich doch auch rentieren? 

Tatsächlich ist es aktuell so, dass fast jede Operation mit einem Robotersystem deutlich teurer ist als der Eingriff mit der konventionellen Methode. Dies liegt neben den hohen Anschaffungskosten vor allem an den sehr teuren Mehrweginstrumenten und dem Verbrauchsmaterial, was für die Krankenhäuser in der Tat einen hohen Kostendruck bedeutet. 

Dem gegenüber steht allerdings der nicht zu unterschätzende, positive Marketingeffekt auf das Krankenhaus, der sich auf die Patientenströme auswirkt. Des Weiteren fallen insbesondere die Reduktion der Liegezeiten und der postoperativen Komplikationen ins Gewicht, die ebenfalls einen ökonomisch positiven Effekt mit sich bringen, aber schwieriger zu messen sind. Ich denke, dass der rasante Zuwachs robotischer Systeme, allein in Deutschland, schon ein wichtiger Indikator für die Sinnhaftigkeit einer solchen Investition ist, insbesondere da diese zunehmend auch von den Patienten gefordert werden. 

Führen Roboter langfristig zu einer Zentralisierung von gesundheitsbezogenen Dienstleistungen? Schließlich können sich Roboter wohl eher die „großen Häuser“ leisten. 

Gegenwärtig ist tatsächlich zu beobachten, dass sich zunehmend klinische Fachzentren für die Robotische Chirurgie am Markt bilden, vorwiegend im universitären Umfeld und im Bereich der Maximalversorger. Voraussetzung für den Einsatz von Robotischen Assistenzsystemen ist definitiv aber eine Spezialisierung, zum einen aus medizinischen und zum anderen aus ökonomischen Gründen. 

Der Einsatz von OP-Robotern ist daher per se auch nicht bei jedem Haus sinnvoll, insbesondere nicht bei kleineren Häusern mit geringen Fallzahlen. Im Hinblick auf die Versorgung im ländlichen Raum empfehlen Experten aber zusätzlich zum Versorgungsauftrag der Grund- und Regelversorgung die Spezialisierung auf innovative medizinische Bereiche. Speziell bei kleineren Häusern kann ein Robotik-Nutzungskonzept dann beispielsweise sehr sinnvoll sein. 

Schlussendlich wird sich der Markt aber in den kommenden Jahren durch die wachsende Zahl der Hersteller verändern, was sich langfristig auch in günstigeren Anschaffungskosten der Systeme bemerkbar machen wird. 

Vielen Dank für das Interview.

1: https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter
2: https://de.wikipedia.org/wiki/Da-Vinci-Operationssystem

Benedikt Kieslich

Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

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