Auslandssemester als Medizinstudent in Löwen (Belgien)

Während des Medizinstudiums ins Ausland? Dabei denken die meisten wahrscheinlich an ein PJ-Tertial in der Schweiz oder eine Famulatur im Ausland. Ein Erasmus-Aufenthalt ist eher ungewöhnlich. Ich habe es dennoch gemacht und warum ich es trotz Corona-Einschränkungen nicht bereue, erfahrt ihr in diesem Post.

Warum ein Auslandssemester und warum Löwen?

Dieses Semester war mein erster längerer Auslandsaufenthalt. Wenn Freunde und Kommilitonen voller Sehnsucht von ihrer Auslandszeit berichteten, packte mich auch manchmal das Fernweh. Gleichzeitig wollte ich meine englische Sprache verbessern und internationale Kontakte knüpfen. Außerdem ist man im Medizinstudium in der Regel für 5 Jahre an eine Stadt gebunden. Diese Struktur musste einfach mal aufgebrochen werden..

Bei der Wahl der Zieluniversität hat man grundsätzlich zwei Optionen. Auf der einen Seite kann man den Aufenthalt an der Wunschuniversität selber organisieren. Das hat aber zwei entscheidende Nachteile. Die Anrechnung der belegten Kurse ist in der Heimatuni wahrscheinlich nicht möglich und der Aufenthalt muss selbst finanziert werden. Die zweite und einfachere Möglichkeit ist, dass man sich für das Erasmus Programm der eigenen Universität bewirbt. Die Uni Göttingen beispielsweise hat eine breite Auswahl an Partneruniversitäten. Hat man jedoch keine fortgeschrittenen Sprachkenntnisse (in der Regel min. B2) in Französisch, Spanisch oder Italienisch wird es schon schwieriger. Göttingen besitzt derzeit Kooperationen mit Städten wie Helsinki, Bratislava, Danzig, Budapest und Löwen. Mein Ziel war es möglichst die Kurse im Ausland zu belegen, die ich auch an meiner Heimatuniversität gemacht hätte, um im gleichen Semester zu bleiben, sodass meine Wahl auf Löwen fiel. Dies gelingt jedoch selten, sodass empfohlen wird, den Erasmusaufenthalt vor der Doktorarbeit zu machen, um fehlende Kurse während eines Promotionssemesters nachzuholen.

Bewerbung

Die Auswahl über die Studierenden, die ins Erasmus-Programm aufgenommen werden, trifft die Heimatuniversität. Ausschlaggebend sind die Sprachkenntnisse, die mit einem DAAD Zeugnis belegt werden müssen und die Physikumsnote. Darüber hinaus ist ein Motivationsschreiben, ein Lebenslauf und ein umfassender Fragebogen einzureichen. Beachtet dabei unbedingt die Deadlines der Universität. Außerdem muss ein Learning Agreement ausgefüllt werden. Darin werden die Kurse, die man im Ausland belegen möchte, eingetragen. Dieser Schritt war aufgrund der unübersichtlichen Website der KU Leuven nicht ganz einfach. Danach ist nur noch auf die Nominierung zu warten. Diese gewährleistet nicht zwangsläufig auch eine Förderung durch das Erasmus+ Programmes, in der Vergangenheit hat es laut der Koordinatorin aber immer geklappt. Die Fördersumme richtet sich nach den Lebenserhaltungskosten im Zielland. In Belgien wird mit monatlich 390€ gefördert.

„Grote Markt“ in Löwen vor dem Lockdown

Studium an der KU Leuven

Die KU Leuven ist die größte Universität in Belgien und bezeichnet sich als innovativste Uni der Welt. In den gängigen Rankings findet man sie unter den Top 100 Unis der Welt. Aufgrund der internationalen Ausrichtung trifft man auf sehr viele internationale Studierende. Das Erasmusprogramm in Löwen ist besonders: In den ersten Wochen stehen Kurse und Fallbesprechungen an und in den folgenden Wochen absolviert man Clerkships ähnlich zu dem Unterricht am Krankenbett an deutschen Universitäten. Leider musste der zweite Teil aufgrund des Corona-Lockdowns ausfallen.

Nicht nur die Erasmusstudierenden, sondern auch die belgischen Medizinstudierenden bewerben sich, um an dem Programm teilzunehmen. Die Lehre in dieser Gruppe von etwa 20 Studierenden verbreitete Schulatmosphäre, auch weil die belgischen Medizinstudierenden uns bei allen organisatorischen Schwierigkeiten unterstützten. Zudem bot es uns die Möglichkeit viel enger im Kontakt mit den Lehrenden zu stehen, die sich überwiegend sehr viel Mühe gaben uns den theoretischen Lernstoff beizubringen. Das Niveau in dieser auserlesenen Gruppe war extrem hoch, nicht zuletzt da sich auch die Professor:innen für das Programm bewerben mussten. Außerdem überstieg das Lernpensum das Übliche einer deutschen Universität deutlich. Das sollte einem bewusst sein, wenn man sich für das Programm entscheidet. Das Studieren in dieser kleinen Gruppe mit direktem Kontakt zu den Professor:innen, hat mir jedoch sehr gefallen. Auch während des Lockdowns gaben sie sich große Mühe mit uns in Kontakt zu bleiben. Wir konnten sogar mithilfe einer Smartglass, die ein Professor trug, live an einer Operation teilnehmen. Die Klausuren fanden am Ende des Semesters statt und wurden überwiegend als mündliche Prüfungen durchgeführt, in den man ein oder zwei Fälle vorbereitet und anschließend bespricht.

Trotz anfänglicher Befürchtungen und teilweise einem starken belgischen Akzent der Lehrenden stellte sich die englische Sprache als kein Problem dar.

Freizeit

Löwen ist eine lebendige Studentenstadt mit knapp 100.000 Einwohnern und 45.000 Studenten etwa 20 km östlich von Brüssel. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Freizeitangebote auf die Vorlieben der Studenten ausgerichtet sind. Das geht sogar so weit, dass es Läden gibt, die am Wochenende schließen, da die belgischen Studierenden in der Regel in ihre Heimat fahren. Dies macht es leider umso schwerer aus der berüchtigten Erasmus Blase herauszukommen. Während der Woche tummeln sich zahlreich Studenten auf dem „Oude Markt“, was als „Europas größte Bar“ bezeichnet wird. Dort werden die in Löwen hergestellten Biere verköstigt. Das ESN (Erasmus Student Network) ist in Löwen sehr aktiv und organisiert normalerweise zahlreiche Aktivitäten, Ausflüge und Partys. Auch in diesem Jahr hat das ESN im Rahmen der Coronabeschränkungen Events organisiert.

„Oude Markt“ in Löwen vor dem Lockdown

Die zentrale Lage Löwens lädt zu Ausflügen ein. Am besten nutzt man dafür den Zug, da es für die Studierenden spezielle Tarife gibt, sodass die Fahrkosten meist unter den deutschen Preisen lagen. Besonders gut haben mir die Städte Gent und Brügge gefallen. Aber auch in der Wallonie gibt es einige interessante Ausflugmöglichkeiten, wie das Dorf Dinant, in dem das Saxophon erfunden wurde oder die Ardennen mit schönen Wanderwegen. Zudem ist das Fahrradnetzwerk hervorragend ausgebaut.

Kosten

Die Lebenserhaltungskosten sind in Belgien etwas höher als in Deutschland. Spürbar wird das vor allem bei Lebensmitteln. Bezüglich einer Unterkunft sollte man nach einer „Kot“ suchen. So werden die belgischen Unterkünfte für Studenten bezeichnet, wofür ähnliche Mietkosten wie in Deutschland verlangt werden. Studiengebühren müssen im Zielland in der Regel nicht gezahlt werden. In der Heimatuniversität sollte überlegt werden, ob man sich beurlauben lassen möchte. Dann fallen bis auf eine Gebühr an das Studentenwerk (in Göttingen knapp unter 100€), keine weiteren Kosten an. Ansonsten kann man auch weiterhin die Immatrikulationsgebühren zahlen, um beispielsweise weiterhin vom Semesterticket zu profitieren.

Trotz Corona ins Ausland

Ich habe mich Ende 2019 für das Erasmusprogramm beworben, also noch vor der Ausbreitung des Coronavirus. Da das Programm wie beschrieben in einer kleinen Gruppe absolviert wird, war der Stand im Sommer, dass alles wie geplant stattfinden kann. Doch als die Inzidenz in Belgien im Oktober/ November stark anstieg, wurde auf Online-Lehre umgestellt und die Clerkships gecancelt. Dies war sehr schade, da das Programm vom direkten Kontakt mit internationalen Studierenden und den Professor:innen lebt. Auf der anderen Seite ermöglichte dies, sich umfangreich auf die Klausuren zu vorbereiten, ansonsten wäre es wohl noch stressiger geworden. Natürlich hatte Corona auch drastische Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung. Während im Sommer noch das Knüpfen von internationalen Kontakten möglich war, konnte man während des Corona Lockdowns lediglich an den Online Events des ESN teilnehmen.

Anrechnung

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrages steht noch nicht fest, ob ich mir alle in Belgien belegten Kurse anrechnen lassen kann. Sobald ich eine Information dazu erhalten habe, werde ich dies nachreichen.

Fazit

Warum gehen Studierende für ein Erasmus ins Ausland? Aufgrund neuer Kontakte, der Sprache, dem Land, der Erfahrungen oder dem intellekuellen Zugewinn? Während einer Pandemie ist vieles nicht möglich und doch kann man als Student:in profitieren. Wem besonders viel Wert an eine hervorragende klinische Ausbildung liegt, kann ich ein Erasmus in Löwen sehr empfehlen.

Benedikt Kieslich

Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

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