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Verhältnis von Pflege und Medizin – die Pflege ist kein „halber“ Arztberuf! Interview mit Lukas Hinkelmann #1 (Charité)

Inhaltsverzeichnis

1: Über den Interviewpartner

2: Verhältnis Pflege – Medizin

3: Interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Station

4: Hierarchie in Krankenhäusern anders denken

Über den Interviewpartner:

Lukas Hinkelmann studiert Humanmedizin im 7. Semester an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Vor seinem Studium hat er eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger abgeschlossen und arbeitet parallel zum Studium in der Pflege. Zudem absolviert er ein Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Fernuniversität Hagen. Außerdem betreibt er für seine Doktorarbeit Forschung auf dem Gebiet der experimentellen Neurologie, engagiert sich im Verein Hashtag Gesundheit und ist Stipendiat der Stiftung Charité und Privaten Exzellenzinitiative Johanna Quandt.

Im Gespräch mit Medizin-von-morgen.de äußert er seine Wünsche für die Gesundheit der Zukunft.

#1: Pflegekräfte sollten selbstbewusst als eigenständige Profession neben den Ärzt*innen auftreten!

Simon: Wie beurteilst du als jemand, der sowohl die pflegerische als auch die ärztliche Seite kennt, das berufliche Verhältnis von Ärzt*innen und Pflegekräften? Was sollte sich ändern?

Lukas: Es wird viel darüber gesprochen, dass Pflegekräfte mehr Verantwortung in der Patientenbetreuung übernehmen sollen. Das ist ein gutes Ziel, aber wird in der Praxis häufig so verstanden, dass Pflegekräfte in ihrem Alltag mehr und mehr ärztliche Tätigkeiten übernehmen sollen. Beispielsweise Blutentnahme, das Legen von Dauerkathetern und so weiter. Aus meiner Sicht wird die Pflege aber nicht dadurch verantwortungsvoller, dass sie ärztliche Aufgaben übernimmt. Die Pflege ist eine eigenständige Disziplin und kein „halber“ Arztberuf. Die Pflege hat schon genug mit ihren ureigenen pflegerischen Aufgaben zu tun, und sollte eher in ihrer Ausbildung bzw. Studium mehr pflegewissenschaftliche Kompetenzen vermittelt bekommen. Zur Unterstützung der Ärzte und auch Übernahme von Tätigkeiten glaube ich, ist der Physician Assistant (Arztassistent), welcher als Studiengang zunehmend an deutschen Hochschulen angeboten wird, besser geeignet. 

Hier geht Deutschland im internationalen Vergleich sehr spät den Weg, die Pflege zu akademisieren und professionalisieren. Aus meiner Sicht muss aber nicht jeglicher Pflegeberuf akademisiert werden. Eine Aufteilung in drei Hierarchiegruppen erscheint mir sinnvoll. Den Kern bildet die „klassische“ Pflegekraft (die dann ein Bachelorstadium abgeschlossen hat), unterstützt durch den ausgebildeten Pflegehelfer mit klar definierten Kompetenzen. Die spezialisierten Aufgaben in der Stationsleitung oder als Pflegeexpert*in bspw. im Schmerzmangagement oder in der Wundversorgung könnte dann jemand mit Masterstudium übernehmen.

#2 Interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Station und in der Ausbildung fördern!

Simon: Was kann sich denn ganz konkret in den Abläufen ändern, wie verschiedene Berufsgruppen im Gesundheitswesen wie Ärzteschaft, Pflege, Physiotherapie etc. miteinander zusammenarbeiten?

Lukas: Aus der Psychiatrie kenne ich es so, dass praktisch jede Berufsgruppe in gemeinsamen Sitzungen ihre eigene fachliche Perspektive auf den jeweiligen Patienten äußern kann. So kann man sich dem Patienten ganzheitlich nähern und der menschlichen Komplexität hinter jedem Fall gerechter werden. Beispielsweise verbringen Pflegekräfte viel mehr Zeit mit den Patient:innen und können sich ein umfassenderes Bild von ihnen bilden, als die Ärzt*innen, die im Stationsalltag aus Zeitgründen häufig nur im Rahmen von Visiten mit den Patient:innen sprechen können. Daher ist die pflegerische Perspektive auch für die ärztliche Entscheidungsfindung in vielen Fällen unerlässlich.

Gleiches gilt für die Einschätzung von Physiotherapeut:innen und anderen Berufsgruppen – aus meiner Sicht sollten mehr interdisziplinäre Visiten stattfinden.

Demgegenüber habe ich es in anderen Fachabteilungen so erlebt, dass es zu Konflikten zwischen dem jungen Assistenzarzt und der altgedienten Krankenschwester führt, wenn der frischgebackene Doktor sein Lehrbuchwissen rezitiert und zu einer anderen Einschätzung als die berufserfahrene Pflegerin kommt. Hier ist es gerade für uns junge Mediziner:innen wichtig, zu erkennen, dass die Realität selten so klar wie im Lehrbuch ist und die Erfahrungswerte von kompetenten Kolleg:innen, auch aus anderen Professionen, nicht abzuwerten.

#3 Führungspersonal in Mitarbeiterführung schulen

Simon: Und welchen Blick hast du auf die Hierarchie in Krankenhäusern innerhalb einer Berufsgruppe? Stichwort Verhältnis Chefarzt – Oberarzt – Assistenzarzt?

Lukas: Ich denke, man könnte Hierarchie in Krankenhäusern anders denken. Interessant ist doch, wie man zu einer ärztlichen, pflegerischen oder sonstigen Führungskraft in der Patientenversorgung im Krankenhaus wird. Du steigst in der Karriereleiter auf durch deine berufliche Expertise und Fähigkeiten, aber nicht unbedingt deswegen, weil du besonders gut ein Team leiten könntest oder Fortbildung in Mitarbeiterführung etc. absolviert hättest. Überhaupt werden solche Kenntnisse in der medizinischen Ausbildung weitgehend komplett ausgeklammert, was eigentlich verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Medizin nur im Team geht.

Spannend wäre doch, wenn man frühzeitig anfinge, Führungserfahrung zu sammeln, egal auf welcher Hierarchieebene man steht und egal welcher Berufsgruppe man angehört. Beispielsweise könnte bei Visite mit den beteiligten Personen die Führungsrolle abwechselnd verteilt werden und die klassische Hierarchiekette dadurch unterbrochen werden. Man stelle sich vor, auch die junge Assistenzärztin könnte schon begrenzte Führungsaufgaben übernehmen und dadurch schon frühzeitig in ihre Rolle hineinwachsen. Oder dass bei interdisziplinären Besprechungen abwechselnd die verschiedenen beteiligten Fachrichtung abwechselnd die Führungsrolle übernehmen.

Ich glaube, wer schon früh in seiner Ausbildung ernst genommen wird und seinem Ausbildungsstand entsprechend Führungsaufgaben übernimmt, kann im weiteren Verlauf auch seine Teams besser führen und zu einer besseren Arbeitsatmosphäre beitragen. 

Lukas erreicht Ihr entweder per Mail (lukas.hinkelmann@charite.de) oder über sein Linkedin-Profil (https://www.linkedin.com/in/lukas-hinkelmann-860717196/?lipi=urn%3Ali%3Apage%3Ad_flagship3_messaging%3BeqRoPg%2B5QgOBdVsyvoY7XQ%3D%3D&licu=urn%3Ali%3Acontrol%3Ad_flagship3_messaging-topcard)

Im nächsten Teil des Interviews geht es um Lukas’ Blick auf die Digitalisierung in der Medizin und wird voraussichtlich im Februar veröffentlicht.

Simon Rösel

Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health. E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

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