Siilo App bietet sichere Kommunikation für medizinische Zwecke – Ein Gespräch mit dem deutschen Medical Director Sassan Sangsari

Siilo ist ein digitaler Messenger, der sich mit seinen besonderen Datenschutz an medizinische Teams richtet. Nach der flächenhaften Verbreitung in Holland steigen auch die Nutzerzahlen in Deutschland. Wir haben mit dem deutschen Medical Director Sassan Sangsari über die Entwicklung des Dienstes, die Anwendung in der Corona Krise und seine Motivation als Arzt für das Startup zu arbeiten, gesprochen.

Ihr bietet den in Europa meistgenutzten Messenger für medizinische Teams. Kann man es ein bisschen als das WhatsApp für Mediziner bezeichnen?
Ja, im ersten Schritt definitiv. Das ist auch in unserer Entstehungsgeschichte der Grund gewesen, warum wir den Markt gesehen haben. WhatsApp und der Facebook Messenger waren und sind äußerst beliebt bei Medizinern. Dabei weiß eigentlich jeder, dass die Nutzung datenschutzrechtlich nicht zulässig ist. Da haben einen klaren Bedarf auf dem Markt gesehen. In erster Linie war es das Ziel von Siilo, eine datenschutzrechtliche, sichere Alternative zu WhatsApp und Co. anzubieten. Aber da wir von Medizinern für Mediziner gemacht sind und das Produkt speziell für das Gesundheitswesen weiterentwickelt haben, sind schon jetzt viele wesentliche Features dazu gekommen, die über WhatsApp hinausgehen. 

Wie hat sich der Messenger in den ersten Jahren entwickelt ?
Joost Bruggeman, einer der Gründer, hat im klinischen Alltag gemerkt, dass man mit Fax und Telefon immer noch altmodisch herumtelefonieren und Befunde faxen soll, während wir alle ein Smartphone in der Tasche haben. Er dachte sich, es könne doch auch viel einfacher sein: schnell ein Foto machen, das EKG zum Kollegen schicken oder Laborbefunde mal kurz absprechen. Das ist durch Siilo zum gelebten Weg geworden. Als die Datenschutzgrundverordnung auf den Weg gebracht wurde, war sofort klar, wie wichtig es ist eine Messenger-App zu schaffen, die dieser Verordnung gerecht wird. Das ist dann 2016 genau so passiert. Innerhalb von kürzester Zeit, etwa bis 2018, etablierte sich Siilo in Holland so flächendeckend, dass es kein Krankenhaus mehr gab, wo es nicht genutzt wurde. Auch Hausärzte nutzen den Messenger dortzulande bereits zu 70 Prozent. Siilo ist zum festen Bestandteil der digitalen Kommunikation in Holland geworden.  Eine Finanzierungsrunde eröffnete uns schließlich die Möglichkeit, das Ganze auch in anderen Ländern zu verbreiten. Für den deutschen Markt bin ich dann mit eingestiegen. Seit ungefähr einem Jahr bin ich Medical Director, leite das deutsche Geschäft und versuche das, was wir in Holland geschafft haben, jetzt auch in Deutschland umzusetzen.

Wie hat sich das Nutzungsverhalten des Messenger in der Corona-Krise verändert?
Aktuell sind es vor allem die Notfall- und Intensivmediziner, die sich in der ersten Corona-Welle sehr auf Siilo verlassen haben, um miteinander zu kommunizieren. Man sieht das in den Nutzerzahlen, die seit Mitte März exponentiell angestiegen sind.  Da haben wir verstanden, dass Medizin gerade zu einem großen Teil in Gruppenchats stattfindet. Man mobilisiert sich:  Ob das Abteilungen sind, ob das alle Oberärzte oder alle Assistenzärzte sind, die sich miteinander absprechen können oder ob das Krisenstableitungen sind, die so in Gruppenchats miteinander in Kontakt bleiben. Siilo hat eine wichtige, kritische Rolle eingenommen, um in der Coronakrise den akuten Kommunikationsbedarf decken zu können. In der zweiten Welle sehen wir das sogar in einer noch wichtigeren Funktion, indem sich regionale Gruppenchats bilden. Das heißt die Chefärzte und leitende Oberärzte von Intensivstationen wählen Gruppenchats, um mit den Kollegen vom benachbarten Krankenhäusern für die gewisse Region die Kapazitäten von jedem Krankenhaus auszuschöpfen. Damit man die Bettenlast und sämtliche weitere Problematiken, die sich jetzt ergeben, gemeinsam tragen kann. Von heute auf morgen müssen sich Kommunikationskanäle öffnen lassen, damit Akteure miteinander kontinuierlich in Echtzeit Informationen austauschen können. Dafür ist Siilo jetzt gerade das Mittel der Wahl. Das ehrt uns natürlich, diese Unterstützung anbieten und so einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten zu können.

Ihr habt zudem ein Krisenmanagement-Tool zur Unterstützung von Gesundheitsorganisationen während der COVID-19-Pandemie. Was genau bietet dieses Tool?
Der Siilo Messenger ist kostenlos. Den kann sich jeder Arzt, jede Ärztin, jeder Krankenpfleger, jede Krankenpflegerin, jeder Physiotherapeut, jede Physiotherapeutin, – kurz gesagt jeder, der einen Heilberuf ausübt – herunterladen. Er muss sich verifizieren lassen und kann dann direkt anfangen mit Kollegen und Kolleginnen zu chatten. Das erfüllt schon einen wesentlichen Bedarf, der jetzt gerade in der Krise vor allem benötigt wird. Darüber hinaus helfen wir aber auch den Organisationen, Fachgesellschaften und Krankenhäusern, für die gesamte Organisation, also für die hunderte oder tausende von Mitarbeitern, eine Kommunikationsstruktur in Echtzeit aufzubauen.
Man kann sich das wie eine Art Intranet oder als Broadcastfunktion vorstellen. Im Grunde genommen ist es ein Gesamtpaket, damit nicht nur die einzelnen Mitarbeiter untereinander kommunizieren können, sondern die App auch als Sprachrohr von einer Organisation an die gesamten Mitarbeiter eingesetzt werden kann.

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Wie ist die Mitarbeiterstruktur? Gibt es viele Mitarbeiter mit einem medizinischen Background?
Wir haben einige Mediziner unter uns, zum Beispiel unser Co-Gründer Joost Bruggeman oder der Orthopäde Paul Koning. Er hat in Holland ein nützliches Netzwerk über Siilo gegründet, das sich Prisma nennt. Das ist auch unser erstes erfolgreiches digitales Geschäftsmodell. Dabei ist es so, dass die Hausärzte in Holland Fälle digital besprechen können und die Fachärzte dann auf Siilo ihre konsularische Meinung dazu geben. Somit können viele Fälle schon digital so gut besprochen werden, dass die Patienten nicht mehr selbst zum Facharzt geschickt werden müssen. Dieses digitale Konsil über Prisma wird von Versicherungen vergütet. Davon profitiert das gesamte System: Das holländische Gesundheitswesen spart an Zuweisungen zu Fachärzten, die nicht mehr nötig sind. Der Patient wird nicht unnötig zum Facharzt geschickt. Und wir als Unternehmen haben damit auch ein Geschäftsmodell gefunden, wie wir von den Kostenträgern vergütet werden.

Das heißt der einzelne Anwender muss für den Messenger nicht zahlen, sondern die Versicherungen bezahlen die Anwendung.
Das ist nur ein Modell, das wir jetzt in Holland als Konzept etablieren konnten. Ob das in Deutschland auch so funktioniert, wissen wir derzeit noch nicht. In Deutschland befinden wir uns noch in einer anderen Phase. Wir haben weltweit über eine Viertelmillion medizinische Fachkräfte, die den Messenger nutzen. Davon sind der größte Teil aus unserem Heimatmarkt in Holland und in Belgien. In Deutschland haben wir jetzt knapp 30.000 medizinische Fachkräfte, die Siilo nutzen. Davon sind etwa zwei drittel Ärzte und Ärztinnen und das restliche Drittel größtenteils aus der Pflege., Weitere Nutzer kommen aus der Krankenhaus-IT, dem Krankenhausmanagement und den weiteren Heilberufen. In Deutschland ist somit erstmal Wachstum angesagt, bevor wir versuchen können solche digitalen Geschäftsmodelle wie in Holland anzuwenden. Uns ist es wichtig, dass der Messenger als solches jedem Nutzer zur Verfügung steht und jeder den Nutzen davon tragen kann, auch ohne dafür zu bezahlen.  Das flächendeckende Einführen des Messengers für eine gesamte Organisation wiederum ist eine Dienstleistung, die auch mit Kosten verbunden ist. Aber der Messenger als solches für den einzelnen Nutzer ist und bleibt kostenlos.

Was waren / sind die größten Hürden in der Verbreitung des Messengers und wie habt ihr sie überwunden?
Ich würde das in verschiedene Aspekte unterteilen. Der erste und wichtigste ist Datenschutz und da befolgen wir natürlich europäisches Recht mit der Datenschutzgrundverordnung. Mit der Etablierung von Siilo in Holland konnte man sich ausmalen, dass es auch in Deutschland seine Berechtigungen haben wird. Nichtsdestotrotz bemerkten wir, dass die deutschen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder sich lange Zeit nicht klar dazu äußern wollten. Die DSGVO ist 2018 in Kraft getreten und bis November 2019 gab es noch Rechtsunsicherheit, ob Siilo als Messenger auch für die Nutzung von patientenbezogenen Daten genutzt werden kann. Im November 2019 haben die Datenschutzaufsichtsbehörden dann ein Whitepaper herausgebracht, wo sie ganz klar definiert haben, was die Anforderungen an Messenger im medizinischen Bereich sind. Da wir alle genannten Kriterien erfüllen, liest sich das Whitepaper gewissermaßen wie eine Produktbeschreibung von unserer App. Das war der entscheidende Faktor, um auch auf dem deutschen Markt Vertrauen aufzubauen. Unser Vorteil war und ist, dass der Datenschutz bereits bei der ersten Zeile Code, die geschrieben wurde, mitbedacht worden ist. Eine weitere große Herausforderung war es dann, nicht eine Fort Knox zu bauen, die total unpraktikabel ist. Wir haben die Usability so gut hinbekommen, dass ein Corona-Krisenstabsleiter mal meinte, dass es „bekloppt einfach“ ist. Jeder, der sich mit WhatsApp auskennt, kann intuitiv auch Siilo direkt problemlos bedienen. Im zweiten Schritt war es wichtig zu zeigen, wie es schon im klinischen Alltag in sämtlichen Fachbereichen und in den verschiedenen Anwendungen eingesetzt wird. Beispielsweise nutzen Kardiologen Siilo, um Koronarfilme mit den Herzchirurgen zu teilen und somit schnell zu sagen: „Hier ist ein Patient mit einer operativen Indikation, der muss schnell zu euch verlegt werden“. Zum anderen nutzen es Urologen, um niedergelassene Urologen Biopsiebefunde einer Prostata zu zeigen. Dementsprechend ist die intersektorale Kommunikation vereinfacht worden und je mehr diese Anwendungsbereiche und -berichte gekommen sind, desto mehr hat es dann Fuß gefasst und die entsprechenden Wellen geschlagen. 

Was war deine persönliche Motivation neben dem Arztberuf in Siilo einzusteigen?
Ich komme aus der Herzchirurgie der Uniklinik Köln und bin seit etwa einem Jahr bei Siilo eingestiegen. Dementsprechend bin ich nicht mehr klinisch tätig und fokussiere mich auf den Wachstum von Siilo im deutschen Markt. Dazu habe ich mich entschieden, weil ich gesehen habe, dass das hier eine große Gelegenheit ist, im Rahmen der Digitalisierung einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitssystems leisten zu können. Die Zeit dafür ist reif. 

Wie siehst du deine persönliche Zukunft? Möchtest du weiter bei Siilo arbeiten oder wieder zurück ins Krankenhaus?
Ich glaube in meiner jetzigen Funktion ist die klinische Denkweise, die ich habe, sehr wichtig,  um den Medizinern die Unterstützung bieten zu können, die sie brauchen. Kommunikation ist oftmals das wichtigste Instrument für sie, um die Arbeit gut machen zu können. Dementsprechend habe ich oftmals das Gefühl, dass ich immer noch in einer gewissen Art und Weisen klinisch tätig bin, auch wenn ich keine Patienten anfasse. Das finde ich in dem Sinne sehr spannend.  In Kliniken und anderen Einrichtungen gibt viele Kommunikations- und Prozessherausforderungen, die wenig mit der eigentlichen klinischen Medizin zu tun haben. In dem Sinne sehe ich unsere Arbeit auch ein bisschen als „Extension“ dieser Prozessprobleme und bin froh, dass ich zu Lösungen beitragen kann. Sicherlich wird eine Zeit kommen, in der ich die Patientennähe stärker vermissen werde. Ich kann mir vorstellen, meine Tätigkeit in Zukunft durch ein paar Schichten als Notarzt zu ergänzen. Momentan aber spielt der Aufbau der Siilo-Netzwerke eine so wichtige Rolle für die Intensivmediziner, dass ich mich voll darauf konzentrieren möchte.

Benedikt Kieslich

Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

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