Warum so viele Medizintechnik – Startups scheitern

Neun von zehn Startups scheitern1. Mehr als 80% aller Startups scheitern sogar schon in den ersten 3 Jahren2. Auf solch ernüchternden Zahlen stößt man, wenn man sich mit den Erfolgschancen von Startups beschäftigt. In der Medizintechnikbranche dürften die Aussichten sogar noch schlechter sein. Zu den Gründen für diese hohe Zahl habe ich eine interessante Liste des Johner Institut 3 gefunden, die ich hier vorstellen möchte.

  1. Finanzierung

Die Finanzierung von medizintechnischen Startups ist besonders schwierig. Das hängt vor allem mit der langen Zeitdauer von der Idee zur Zulassung, nicht zuletzt aufgrund der strikten Richtlinien, zusammen. 67% der Startups greifen sogar in die eigene Tasche zur Finanzierung, immerhin 19% greifen auf staatliche Förderprogramme zurück.

  1. Mangelnder Bedarf

Ein Produkt ist erst ein gutes Produkt, wenn es jemanden gibt, der den Mehrwert erkennt und auch bereit ist, es zu nutzen und im besten Fall Geld dafür auszugeben. Das Johner Institut führt vor allem drei Gründe für mangelnden Bedarf an.
1. Mangelnde Bereitschaft Geld auszugeben.
Wir alle finden die Idee von einen Kühlschrank, der automatisch die verbrauchte Milch nachbestellt, ziemlich cool. Aber sind wir auch bereit dafür tausende Euros auszugeben? Ganz ähnlich kann es sich mit medizintechnischen Produkten verhalten.
2. Mangelnde Bereitschaft, Voraussetzungen zu schaffen
Um ein neues Produkt zu etablieren, müssen Abläufe geändert werden, die Infrastruktur angepasst werden oder Personal geschult werden. Dazu fehlt manchmal schlicht die Motivation.
3. Mangelnde Bereitschaft, Gewohntes zu ändern
Unser Professor in der Medizintechnik sagt immer, einer der häufigsten Argumente bei alten Systemen zu bleiben ist der Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Das Johner Institut empfiehlt dementsprechend Kunden und Anwender von Anfang an, an der Entwicklung teilhaben zu lassen, sodass das Produkt noch besser auf die jeweiligen Erfordernisse angepasst werden kann. Ein pragmatischer Tipp noch von mir aus dem Studium: Es ist oft hilfreich, sich an junge Kunden zu wenden, die offen für Veränderungen sind und die Raum haben, ein gewisses Risiko einzugehen.

  1. Nicht nachgewiesener Nutzen

Ein Produkt soll natürlich einen Mehrwert bieten. Der kann medizinisch, als auch ökonomisch bestehen und er muss vor allem nachgewiesen werden. Auf der einen Seite muss dies durch klinische Bewertung / klinische Studien erfolgen, auf der anderen Seite durch eine gesundheitsökonomische Betrachtung. Ein so wissenschaftlicher Nachweis des Nutzen kann zum Teil sehr aufwendig sein.

  1. Regulatorische Anforderungen

Regulatorische Hürden gibt es in der Medizintechnik viele. Und das ist auch gut so, immerhin sind es oft Produkte die das höchste Gut, die Gesundheit des Menschen, betreffen. Dennoch macht es die Medical Device Regulation, die nächstes Jahr in Kraft treten soll, kleinen Teams noch schwieriger mit dem gesetzlichen Rahmen umzugehen.

  1. Hürde: Mangelnde Kostenerstattung

Bei der Kostenerstattung von Medizintechnikprodukten gibt es generell drei Märkte. Da wären zu einem die Krankenkassen. Eine Kostenerstattung durch die Krankenkassen ist jedoch leider eine sehr lange und aufwändige Prozedur. Bei dem zweiten Markt ist es der Anwender selbst, der für das Produkt zahlt. Leider gehen diese oft davon aus, dass die Krankenkassen sämtliche Kosten übernehmen. Die dritte Möglichkeit sind Selektivverträge. Auch das ist nicht ganz einfach und erfordert schließlich auch eine langfristige Planung.

  1. Mangelnde Organisation und fehlende Kompetenzen

Als Kernkompetenzen zur Gründung eine Medizintechnik Startups beschreibt das Johner Institut

  • Projektmanagement
  • Unternehmensführung, Organisation, Etablierung von Prozessen
  • Mitarbeiterführung
  • Buchführung, Controlling
  • Marketing & Vertrieb

Natürlich ist nicht jeder mit diesen Kompetenzen gesegnet, insbesondere da Gründer oft einen medizinischen Hintergrund haben. Hier hilft wohl nur Learning by doing..

Das alles soll natürlich den Erfindergeist nicht bremsen. Vielmehr glaube ich, dass es wichtig ist, die Hindernisse schon frühzeitig zu beachten und so gut vorbereitet zu sein. Außerdem habe ich in den letzten Tagen einen interessanten Artikel (https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-rezession-dringend-gesucht-echte-unternehmer-a-e65be08b-53a3-4ac7-b54c-c12dac946ad3) über die Veränderungen in der Wirtschaft angesichts der Coronakrise gefunden. Es scheint, als wäre gerade jetzt der Zeitpunkt für Entrepreneure, die kein Risiko scheuen.

1. https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj_rIyXk4TqAhWOXsAKHX3OCLwQFjACegQIAxAB&url=https%3A%2F%2Fwww.manager-magazin.de%2Flifestyle%2Fartikel%2Fstart-up-szene-new-work-arbeitswelt-ist-oft-eine-schoene-neue-scheinwelt-a-1264963-2.html&usg=AOvVaw2pk4EX_12iHoQYRdyhyWlW

2. https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj_rIyXk4TqAhWOXsAKHX3OCLwQFjABegQIChAD&url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2F2014%2F01%2Fscheitern-misserfolg%2Fseite-3&usg=AOvVaw0N0nesNEDhdxcmOMN_6pwo

3. https://www.johner-institut.de/blog/medizinische-informatik/medical-startups-healthcare-startups/

Benedikt Kieslich

Benedikt ist Medizinstudent im 9. Semester in Göttingen und Gasthörer im Medizin-Ingenieurwesen. In seiner Doktorarbeit setzt er sich mithilfe des real-Time-MRTs mit den Auswirkungen von Orthesen auf das Sprunggelenk auseinander. E-Mail: Benedikt@medizin-von-morgen.de LinkedIN: https://www.linkedin.com/in/benedikt-kieslich

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