„Gruezi, ich bin der Häfelipraktikant!“ – Als deutscher Medizinstudent zum Pflegepraktikum in der Schweiz

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Aus dem Unialltag rauskommen, neue Länder und Kulturen entdecken, eine neue Perspektive auf die Medizin erhalten: ein Auslandsaufenthalt im Medizinstudium verspricht viel. Neben den klassischen Möglichkeiten, im Rahmen der Famulatur oder des Praktischen Jahres ins Ausland zu gehen, gibt es auch die Option, sein Pflegepraktikum in einem anderen Land zu absolvieren. Das habe ich gemacht, und zwar im Schweizer Kanton Graubünden.

Ihr merkt schon: Im heutigen Blogpost möchte ich ein bisschen vom eigentlichen Hauptthema des Blogs abrücken. Denn in diesem Beitrag geht es nicht um die technischen Aspekte der Zukunft der Medizin. Aber, und auch das verstehe ich unter dem Thema „Zukunft der Medizin“: das Gesundheitswesen wird zunehmend multikulturell und eine internationale Zusammenarbeit immer wichtiger. Um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, bieten sich Auslandsaufenthalte im Medizinstudium perfekt an.

Neben der persönlichen Erfahrung, wie man als Angehöriger eines Gesundheitsberufs mit Menschen anderer Kulturen umgeht, hat das Thema Auslandserfahrungen in der Medizin auch eine politische Komponente. Durch den Vergleich mit Gesundheitssystemen anderer Länder können wir erkennen, was gut läuft und wo vielleicht Verbesserungspotenzial besteht.

Aus dieser Warte möchte ich gerne von meinen Erfahrungen als Praktikant in der Schweiz berichten. Hierbei möchte ich euch Einblicke geben in die Bewerbung, meinen Arbeitsalltag und die persönlichen und beruflichen Erfahrungen, die ich aus diesem Praktikum schöpfen durfte.

Ich freue mich auf euer Feedback. Berichtet gerne in den Kommentaren von euren eigenen Auslandserfahrungen im Gesundheitswesen!

Die Bewerbung: ziemlich unkompliziert

Aufmerksam auf die Möglichkeit, das Pflegepraktikum im Ausland zu absolvieren, hat mich eine befreundete Medizinstudentin gemacht. Als ich während meines 3. Semesters in der Vorklinik auf der Suche nach einem Krankenhaus für mein 3. Pflegepraktikum war, empfahl sie mir, mich auf gut Glück in dem Spital zu bewerben, in dem sie selbst ein Pflegepraktikum absolviert hatte.

Kurzerhand schickte ich der Personalverantwortlichen des Spitals 4 Monate vor Praktikumsbeginn eine Initiativbewerbung und erhielt schnell eine positive Rückmeldung. Es wurde mir ein Pflegepraktikum von 30 Tagen in meinem Wunschzeitraum auf einer internistischen (in der Schweiz: medizinischen) Station angeboten. Die Unterzeichnung des Vertrags erfolgte dann per Post. Vor meiner Abreise erhielt ich dann genaue Informationen, wo ich mich wann einzufinden hatte und wo ich den Schlüssel für meine Mitarbeiter-Wohnung entgegen nehmen konnte.

Mein Arbeitgeber: das Regionalspital Surselva in Ilanz

Blick vom Spital auf Ilanz

Ich habe mein Praktikum im Kanton Graubünden in der Stadt Ilanz absolviert. Die historische Stadt ist das Zentrum des Graubündner Oberlandes („Surselva“) und wird bewohnt von gut 5.000 Einwohnern. Ilanz ist mit dem Zug gut zu erreichen (zur Kantonshauptstadt Chur 30 Minuten und nach Zürich 2h). Ebenfalls gut erreichbar sind die bekannten Skigebiete Flims/Laax/Falera und Obersaxen, die in den Bergen rings um Ilanz liegen. Insofern verwundert es auch nicht, dass das Regionalspital Surselva, in dem ich mein Praktikum absolviert habe, „Sport Medical Base“ des Schweizer Olympiakomitees ist. Gerade in der Winterzeit kommen also viele unfallchirurgische Patienten von den Skipisten. 

Die Arbeit als Pflegepraktikant in der Schweiz

Unterwegs im fancy Streifenkasak zur Messung der Vitalparameter.

Meine Schicht begann um 7:00 Uhr morgens und endete nachmittags um 16 Uhr. Im Vergleich zu den Pflegepraktika in Deutschland, die bereits um 6 Uhr begannen, konnte ich also praktisch richtig ausschlafen, zumal mein Weg zur Arbeit sehr kurz war.

Zu meinen Aufgaben gehörte in erster Linie die Grundpflege der Patienten, die Kontrolle der Vitalzeichen sowie allgemeine Unterstützungsleistungen. Auf der Station waren mir eigene Patienten zugeteilt worden, die ich unter der Leitung einer zugeordneten Pflegekraft, im Rahmen meiner Kompetenzen, betreute. Somit war ich auch zuständig für die tägliche Dokumentation meiner geleisteten Tätigkeiten sowie eine Einschätzung des Patientenzustandes. Das war tatsächlich eine eindrückliche Erfahrung, da ich gelernt habe, den Patientenzustand ganzheitlich zu beschreiben. Dies war bis dahin in der Vorklinik des Medizinstudiums noch nicht Thema gewesen, auch nicht in meinen beiden ersten Pflegepraktika in Deutschland. Im Laufe der Zeit durfte ich dann auch venöse Blutentnahmen bei den mir zugeteilten Patienten durchführen.

Schlau organisiert war bei dem Praktikums folgendes: mir wurde am Anfang ein Zettel bedruckt mit einer „Kompetenzmatrix“ ausgehändigt. Diese Liste umfasste sämtliche Tätigkeiten, die grundsätzlich in mein Aufgabenspektrum fielen und die ich ausführen durfte. Die Matrix wurde dann gut sichtbar in das Stationszimmer gehängt und so konnte jeder Mitarbeiter meinen aktuellen Kenntnisstand einsehen. Das Ganze funktionierte folgendermaßen: zunächst wurde mir eine Tätigkeit gezeigt, dann durfte ich sie unter Aufsicht mehrere Male selbst ausführen und am Schluss wurde mir attestiert, sie selbständig ausführen zu könne. Der Lernfortschritt während des Praktikums war somit sehr greifbar und das ganze Praktikum war deswegen für mich sehr strukturiert.

Die Arbeitsatmosphäre auf Station war sehr angenehm. Ich habe das Team mir gegenüber als Fremden sehr aufgeschlossen erlebt, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass der Deutschenanteil unter der Belegschaft recht hoch ist. So ist beispielsweise sogar der Chefarzt der Inneren Medizin ein Deutscher. All dies spricht für die Attraktivität des Spitals und aber auch der Schweiz insgesamt als Arbeitsplatz.

1 Praktikum, 2 neue Sprachen

„Ah, du bist also der neue Häfeli-Praktikant!“ So wurde ich an meinem ersten Tag auf Station empfangen. Erst im Laufe der Zeit erfuhr ich die Bedeutung dieses Ausdrucks, „Häfeli“ heißt nämlich… Nachttopf. Auf jeden Fall eine treffende Bezeichnung 😉 Aber, meine Aufgaben gingen, wie oben beschrieben, zum Glück darüber hinaus.

Mit anderen Worten: bei einem Praktikumin der Schweiz ist die Frage der Sprache nicht ganz unwichtig. Ich als Norddeutscher musste mich erstmal eine Weile ins Schweizerdeutsch einhören. Im direkten Gespräch war dies meist noch gut zu verstehen, wohingegen ich in Gruppengesprächen meine Ohren zumindest in der Anfangszeit gehörig spitzen musste. Trotz anfänglicher Kommunikationshürden fand ich das Schweizerdeutsch einen wirklich charmanten Dialekt bzw. eine eigene Sprache. Ein running gag während meines Praktikums war, dass ich das Schibboleth „chuchichäschtli“ (welches „Küchenschrank“ bedeutet) aussprechen sollte (und natürlich kläglich scheiterte). Vor lauter Kehlenlauten kommt man als Deutscher ziemlich ins Schwitzen. Aber auch andere putzige Wörter wie „brünzlä“ („wasserlassen“) oder „seklä“ („rennen“) sind mir in Erinnerung geblieben.

Als wäre das alles nicht aufregend genug, ist in der Surselva die Muttersprache vieler Menschen das Rätoromanisch („Rumantsch“). Dieses ist als romanische Sprache verwandt zum Beispiel mit dem Italienischen (das ich leider nicht beherrsche), welches es zumindest ermöglichte, mit meinen letzten Wissensresten aus dem Latein-LK einige Wörter herzuleiten. In der jüngeren Generation spricht zwar jeder fließend Schweizerdeutsch, aber das Deutsche wird eher als Sprache des Kopfes empfunden, wohingegen das Rätoromanische als Sprache des Herzens betrachtet wird. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass gerade ältere Patienten sich am wohlsten fühlten, auf Rätoromanisch zu sprechen. Manch ein Patient sprach tatsächlich nur Rätoromanisch. Ebenso unterhielten sich die Pflegekräfte häufig untereinander in dieser Sprache. In solchen Situationen war ich sprachlich (excuse the pun) mit meinem Latein am Ende. Dies war aber, wie ich finde, eine äußerst einprägsame Erfahrung, die man sicherlich auf oft während seines Berufslebens machen wird. Insofern kann man ja eigentlich gar nicht früh genug damit anfangen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und zu üben. Tritt die verbale Kommunikation in den Hintergrund, werden natürlich non- und paraverbale Formen des Ausdrucks wichtiger, man achtet verstärkt auf Mimik und Gestik aber natürlich auch Intonation und Sprachmelodie, um den Gegenüber zu verstehen.

Von Praktikumslohn und Personalschlüssel

Ein unbestreitbarer Vorteil am Pflegepraktikum in der Schweiz ist die Bezahlung. So habe ich im Regionalspital Surselva in Ilanz 500 CHF im Monat erhalten, zuzüglich Zuschläge für Überstunden und Wochenenddienste. Natürlich habe ich es nicht nur wegen des Geldes gemacht, nichtsdestotrotz zeigt es eine Wertschätzung der geleisteten Arbeit und trägt dazu bei, dass man sich als Teil des Teams und respektiert fühlt.

Überhaupt ist die Bezahlung im Schweizer Gesundheitswesen deutlich höher als in Deutschland, auch trotz der höheren Lebenshaltungskosten. Zwar wird auch viel Arbeitseinsatz mit etlichen Bereitschaftsdiensten erwartet, geschenkt kriegt man das Geld sicherlich nicht, aber die geleistete Arbeit wird präzise erfasst und fair abgerechnet. Auch der Personalschlüssel in der Pflege ist deutlich großzügiger bemessen: auf unserer Station mit 25 Betten waren im Frühdienst 3-4 diplomierte Pflegekräfte, 2 Auszubildende und ich als Praktikant anwesend. Daher konnten sich die Pfleger*innen an vielen Tag auch mehr Zeit für die individuellen Patient*innen nehmen. Davon können sich manche deutsche Kliniken eine Scheibe abschneiden.

Kontakte knüpfen in der Mitarbeiterunterkunft

Gewohnt habe ich, und das war ein großes Glück, in der Mitarbeiterunterkunft auf dem Gelände des Spitals. Somit hatte ich einen extrem kurzen Arbeitsweg. Außerdem war die Unterkunft sehr günstig. Mit Endreinigung habe ich gesamt 220 CHF gezahlt. Besonders gut an der Wohnsituation hat mir der „WG-Charakter“ gefallen: es gab eine gemeinsame Küche und ein großes gemeinsames Wohnzimmer. Gleichzeitig mit mir lebten dort 3 deutsche PJ-Studierende, mit denen ich häufig die Abend verbrachte habe zum gemeinsamen Fußballschauen, Biertrinken oder Kochen. Auch kamen Mitarbeiter nach ihrem Dienst dort vorbei und trafen sich zum lockeren Austausch. Dass ich als kleiner Pflegepraktikant mit einem Oberarzt der Unfallchirurgie nach Feierabend zusammen ein Bier trank, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Daher meine Empfehlung: sucht euch nach Möglichkeit ein Spital in einer kleineren Stadt, da dort der Zusammenhalt zwischen den Mitarbeitern noch größer ist und es einfacher ist, mit den Ärzten in Kontakt zu treten. Auch ist es goldwert, in einer Mitarbeiterunterkunft zu wohnen – fragt nach, ob das möglich ist!

Thema Work-Life-Balance: Abschalten beim Skifahren, Sightseeing und Stadtbummel

Blick vom Piz Sezna (Obersaxen-Mundaun)

Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, an meinen arbeitsfreien Tagen die Wintersport-Region Surselva für mich zu entdecken. Dies ging allerdings auch ziemlich ins Geld. Ich entschied mich für das Skigebiet Obersaxen, da dies vergleichsweise günstig war und mit einem kostenlosen Shuttlebus von Ilanz gut zu erreichen war. Für einen Tag Skifahren muss man mit Miete der Ski sowie den Tagespass 100 Franken auf den Tisch legen. Den Helm konnte ich mir glücklicherweise von einem PJ-Studenten ausleihen. Wer also eine Möglichkeit hat, seine eigene Ausrüstung und Ski mitzubringen, sollte das tun.

Auch abgesehen vom Wintersport kann man sich in der Surselva beschäftigen. Ich habe zum Beispiel mit dem Bus die Gegend erkundet und viele Sehenswürdigkeiten besichtigt. Ein tolles Naturerlebnis war meine Wanderung durch die Rheinschlucht, auch bekannt als „Swiss grand canyon“.

Blick in die Rhuinaulta – die Rheinschlucht

An einem anderen Tag habe ich das benachbarte Fürstentum Liechtenstein besucht – sehr empfehlenswert: die fürstliche Schatzkammer und das Landesmuseum Liechtenstein. Außerdem ist die Kantonshauptstadt Chur schnell zu erreichen, in der sich ein Stadtrundgang lohnt und es ebenfalls interessante Museen gibt (wie etwa das naturkundliche Museum, welches u.a. die Entstehung der Rheinschlucht anschaulich erklärt).

Die Burg Liechtenstein in Vaduz

Die Anerkennung des Schweizer Pflegepraktikums beim Landesprüfungsamt Niedersachsen

Hier zu Beginn sei direkt gesagt: nehmt vor Antritt des Praktikums Kontakt mit eurem zuständigen LPA auf und erkundigt euch nach den Rahmenbedingungen der Anerkennung. In meinem Fall erfuhr ich vom LPA, dass neben dem klassischen Pflegepraktikums-Vordruck ein schriftliches Zeugnis mit Beschreibung meiner Tätigkeit verlangt wurde.

Folgende Informationen sollten im Zeugnis vorkommen:

  • Zahl der Betten des Klinikums
  • Arbeitszeit
  • Praktikumszeitraum
  • Verantwortlicher Arzt der Abteilung, Pflegedienstleitung
  • Tätigkeitsspektrum

Wer eine Textvorlage zur Inspiration braucht, kann sich gerne bei mir unter simon@medizin-von-morgen.de melden.

Mein Fazit: lohnt sich!

Ein Pflegepraktikum in der Schweiz, zum Beispiel im Bündner Oberland, ist eine lohnende Erfahrung. Sicherlich ist es nicht so exotisch wie ein Aufenthalt in südlicheren Ländern, allerdings konnte ich viel für mein Studium lernen und das Praktikum hatte auch einen hohen Freizeitwert.

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Simon Rösel

Simon studiert Medizin in Göttingen und interessiert sich besonders für Innere Medizin, Bildgebung und Digital Health. E-Mail: simon@medizin-von-morgen.de

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